Viele der verabschiedeten Beschlüsse des 130. Deutschen Ärztetags betreffen zentrale Herausforderungen des klinischen Alltags unmittelbar. Die Diskussionen und Entscheidungen des Ärztetages machen deutlich, dass sich wesentliche Rahmenbedingungen der stationären internistischen Versorgung in den kommenden Jahren verändern könnten.
Krankenhausreform: Strukturwandel der stationären Versorgung
Einer der wichtigsten Beschlüsse betrifft die Forderung nach einer „tragfähigen und zukunftssicheren Weiterentwicklung der Krankenhausreform“. Der Deutsche Ärztetag betont ausdrücklich, dass die Reform nur dann erfolgreich sein kann, wenn die praktische Versorgungssituation in den Kliniken ausreichend berücksichtigt wird.
Gerade internistische Kliniken stehen hierbei im Zentrum der Veränderungen. Sie versorgen einen Großteil der akut und chronisch kranken Patient, übernehmen die internistische Notfallversorgung und tragen vielerorts die Hauptlast der stationären Basisversorgung. Gleichzeitig sind internistische Abteilungen häufig besonders stark von Personalmangel, hoher Arbeitsverdichtung und wirtschaftlichem Druck betroffen.
Für viele Häuser könnte die Reform erhebliche strukturelle Veränderungen bedeuten. Wahrscheinlich ist eine stärkere Konzentration spezialisierter Leistungen an größeren Standorten. Parallel dazu dürfte die Ambulantisierung weiter zunehmen. Zahlreiche bislang stationär erbrachte Leistungen könnten künftig ambulant oder sektorenübergreifend organisiert werden. Dies hätte direkte Auswirkungen auf Bettenplanung, Dienststrukturen, Personalbedarf und die Organisation internistischer Stationen.
Der Ärztetag fordert deshalb ausdrücklich, die Ärzteschaft frühzeitig und substanziell in die Umsetzung der Reform einzubeziehen.
Vorhaltefinanzierung: Absicherung internistischer Krankenhausstrukturen
Ein weiterer zentraler Punkt war die Forderung nach einer echten Vorhaltefinanzierung. Der Ärztetag kritisiert, dass Krankenhäuser bislang wesentliche Vorhaltekosten dauerhaft finanzieren müssen, ohne dass diese ausreichend refinanziert werden.
Für internistische Kliniken ist dies besonders relevant. Bereiche wie Notaufnahme, Intensivstation, Intermediate Care, invasive Diagnostik und Bereitschaftsdienste müssen rund um die Uhr vorgehalten werden – unabhängig davon, wie viele Fälle tatsächlich behandelt werden.
Der Ärztetag fordert deshalb eine strukturell belastbare Finanzierung dieser Vorhalteleistungen. Sollte eine echte Vorhaltefinanzierung umgesetzt werden, könnte dies zu einer deutlichen Stabilisierung internistischer Krankenhausstrukturen beitragen. Insbesondere kleinere und mittlere Kliniken könnten dadurch wirtschaftlich entlastet werden. Ohne eine solche Reform besteht dagegen die Gefahr weiterer Strukturverluste und zunehmender ökonomischer Belastungen.
Ärztliche Weiterbildung: Sorge vor Fragmentierung
Breiten Raum nahm auch die Zukunft der ärztlichen Weiterbildung ein. Mehrere Anträge beschäftigen sich mit der Finanzierung und Strukturierung der Weiterbildung unter den Bedingungen der Krankenhausreform.
Der Ärztetag warnt ausdrücklich davor, dass Ambulantisierung und zunehmende Spezialisierung zu einer Fragmentierung internistischer Weiterbildung führen könnten. Gerade die Innere Medizin lebt von breiten klinischen Erfahrungen, kontinuierlichen Rotationen und langfristigen Weiterbildungsstrukturen.
Diskutiert wurden insbesondere:
- eine verlässliche Finanzierung der Weiterbildung,
- stärkere sektorenübergreifende Weiterbildungsverbünde,
- bessere Kooperationen zwischen Kliniken und Praxen,
- Schutz vor prekären Kurzzeitverträgen.
Mehrere dieser Anträge wurden zur weiteren Beratung an den Vorstand der Bundesärztekammer überwiesen. Dennoch zeigt die Diskussion deutlich, dass die Sicherung qualitativ hochwertiger Weiterbildung unter den Bedingungen der Krankenhausreform zunehmend als zentrales gesundheitspolitisches Thema verstanden wird.
Für Ärzt in Weiterbildung könnten sich dadurch neue Rotationsmodelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung entwickeln. Gleichzeitig wird deutlich, dass Weiterbildung künftig stärker kompetenzorientiert organisiert werden dürfte.
Auch Themen wie Simulationstraining, digitale Lernformate und KI-Kompetenz sollen perspektivisch stärker in die Weiterbildung integriert werden.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Neue Anforderungen im Klinikalltag
Ein auffällig großer Teil der Beschlüsse beschäftigte sich mit Digitalisierung und KI. Der Ärztetag sieht KI zunehmend als zukünftigen Bestandteil ärztlicher Tätigkeit, betont jedoch gleichzeitig klar die unverzichtbare ärztliche Verantwortung und Kontrolle.
Für Internist:innen im Krankenhaus könnten KI-Systeme künftig insbesondere eingesetzt werden:
- bei klinischer Entscheidungsunterstützung,
- in der Bildgebung,
- bei Risikostratifizierungen,
- in der Dokumentation,
- bei Prozesssteuerungen.
Gleichzeitig fordert der Ärztetag verbindliche Qualitätsstandards und eine ärztliche Kontrolle beim Einsatz solcher Systeme.
Dies zeigt deutlich, dass digitale Kompetenzen künftig stärker zum klinischen Berufsalltag gehören werden. Wahrscheinlich werden:
- KI-Anwendungen zunehmend in Krankenhausinformationssysteme integriert,
- Fortbildungsanforderungen steigen,
- neue Fragen zu Haftung und Qualitätssicherung entstehen.
Der Ärztetag fordert daher ausdrücklich, KI-Kompetenz als ärztliche Kernkompetenz zu etablieren und stärker in Aus-, Weiter- und Fortbildung zu integrieren.
Reform der Notfallversorgung: Auswirkungen auf internistische Kliniken
Besonders relevant für internistische Krankenhausabteilungen sind die Beschlüsse zur Reform der Notfallversorgung.
Internistische Kliniken übernehmen bereits heute einen großen Teil der stationären Akutversorgung. Gleichzeitig erleben viele Häuser überfüllte Notaufnahmen, hohe Aufnahmezahlen, zunehmende Fehlsteuerung und steigende Belastungen im Dienstsystem.
Der Ärztetag warnt davor, dass neue Steuerungsinstrumente zusätzliche Bürokratie erzeugen oder die Versorgung weiter destabilisieren könnten. Gleichzeitig wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Schwächung der hausärztlichen Versorgung zu einer zusätzlichen Belastung stationärer Notfallstrukturen führen könnte.
Diskutiert wird eine stärkere Patientensteuerung über Primärversorgungssysteme und verbindlichere Versorgungswege. Für internistische Kliniken könnte dies künftig erhebliche Auswirkungen auf Patientenströme, Aufnahmeprozesse, Dienstbelastungen und Kooperationen mit dem ambulanten Bereich haben.
Die konkrete Ausgestaltung dieser Reform wird daher für die stationäre Innere Medizin von großer Bedeutung sein.
Physician Assistants und Delegation: Veränderung klinischer Teamstrukturen
Auch die zunehmende Integration nichtärztlicher Berufsgruppen war ein wichtiges Thema des Ärztetages.
Der Ärztetag fordert klare Grenzen von Delegation und Substitution sowie einen verbindlichen regulatorischen Rahmen für Physician Assistants.
Hintergrund ist der zunehmende Fachkräftemangel und die Suche nach neuen Arbeitsmodellen im Krankenhaus.
Für Internist:innen im Krankenhaus könnte dies bedeuten:
- veränderte Teamstrukturen,
- neue Aufgabenverteilungen,
- stärkere Supervisionsaufgaben,
- intensivere Diskussionen über ärztliche Kernkompetenzen.
Der Ärztetag betont dabei ausdrücklich, dass ärztliche Verantwortung und medizinische Entscheidungsgewalt erhalten bleiben müssen.
Krisenresilienz und Intensivmedizin: Lehren aus Pandemie und Krisen
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben die Verwundbarkeit des Gesundheitssystems deutlich gemacht. Deshalb widmete sich der Ärztetag ausführlich der Krisenresilienz von Krankenhäusern und Intensivstationen.
Diskutiert wurden:
- Personalreserven,
- Versorgungssicherheit,
- Schutz kritischer Infrastruktur,
- Katastrophenmedizin,
- Pandemievorsorge,
- Lieferengpässe.
Gerade internistische Intensivstationen standen während der Pandemie im Zentrum der Versorgung. Der Ärztetag macht deutlich, dass resiliente Versorgungssysteme ohne stabile Personalstrukturen und ausreichende Finanzierung nicht möglich sein werden.
Für viele Kliniken könnte dies künftig neue Anforderungen an Vorhaltungskapazitäten, Krisenplanung, Personalorganisation und Intensivstrukturen bedeuten.
Long COVID und chronische Multisystemerkrankungen
Der Ärztetag beschäftigte sich außerdem intensiv mit Long COVID, ME/CFS und chronischen Fatigue-Erkrankungen.
Internistische Kliniken sehen zunehmend komplexe postvirale Krankheitsbilder mit:
- kardiovaskulären Beschwerden,
- pulmonalen Einschränkungen,
- Dysautonomie,
- Belastungsintoleranz,
- chronischer Fatigue.
Der Ärztetag fordert hier eine stärkere Forschungsförderung und bessere Versorgungsstrukturen.
Perspektivisch könnten daraus entstehen:
- spezialisierte Ambulanzen,
- interdisziplinäre Versorgungsnetzwerke,
- neue diagnostische und therapeutische Konzepte,
- stärkere Integration in Weiterbildung und Forschung.
Fazit der BDI-AG „Internistinnen und Internisten im Krankenhaus“
Der 130. Deutsche Ärztetag hat deutlich gezeigt, dass die stationäre internistische Versorgung vor einem tiefgreifenden Wandel steht. Krankenhausreform, Ambulantisierung, Digitalisierung, KI, Weiterbildung und Personalmangel werden die kommenden Jahre entscheidend prägen.
Für Internist:innen im Krankenhaus wird zentral sein, dass diese Veränderungen nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten gestaltet werden. Entscheidend bleibt, dass Versorgungssicherheit, Weiterbildungsqualität und ärztliche Handlungskompetenz erhalten bleiben.
Die BDI-AG „Internist:innen im Krankenhaus“ wird die weiteren gesundheitspolitischen Entwicklungen eng begleiten und sich weiterhin aktiv dafür einsetzen, dass die Perspektive stationär tätiger Internist:innen in die politischen Reformprozesse eingebracht wird.