Manchmal bleibt von einer Veranstaltung nicht die Antwort auf eine Frage in Erinnerung, sondern die Frage selbst. Nach unserem BDI Hauptstadtforum in Berlin beschäftigt mich besonders ein Gedanke aus dem Vortrag von Prof. Martin Hirsch. Nicht, weil er zeigte, was KI schon alles kann, sondern weil er die Gegenfrage stellte: Was bleibt eigentlich ärztlich, wenn die KI bei immer mehr diagnostischen Aufgaben mindestens so gut oder sogar besser wird als wir?
Seine Antwort hat mich berührt. Es ist nicht das Wissen allein. Es ist auch die Menschlichkeit. Jene Fähigkeit, einem Menschen in seiner verletzlichsten Stunde nicht nur eine Information zu liefern, sondern Trost. Eine KI kann perfekt simulieren, empathisch klingen, warmherzig formulieren. Aber sie teilt unsere Endlichkeit nicht. Sie kennt keine eigene Angst vor Krankheit oder Tod und ist nicht verletzlich wie wir. Und genau das ist es, was Patientinnen und Patienten spüren, wenn sie einer Ärztin oder einem Arzt gegenübersitzen, der weiß, wovon er spricht, weil er selbst verletzlich und sterblich ist.
Diese geteilte Verletzlichkeit ist die Basis von etwas, das sich nicht verordnen lässt: Vertrauen. Vertrauen entsteht, das haben Prof. Hirsch und die Forschung dazu gezeigt, aus drei Säulen – Kompetenz, Integrität und Wohlgesonnenheit. Kompetenz lässt sich prüfen und durch Ausbildung und Weiterbildung absichern. Auch für ärztliche Integrität gibt es mit der Berufsordnung und dem Gelöbnis klare Leitplanken. Wohlgesonnenheit aber entsteht erst in der Beziehung zwischen zwei Menschen. Sie entsteht nicht durch einen Algorithmus, sondern nur dort, wo jemand bereit ist, sich wirklich einzulassen.
Wie begrenzt dieses Vertrauen gegenüber KI tatsächlich ist, zeigt die BARMER-Jugendstudie 2023/24: 91 Prozent der Jugendlichen wollen, dass bei medizinischen Entscheidungen Ärztinnen und Ärzte das letzte Wort behalten. In eine ähnliche Richtung weist der Digital Health Report 2026. Bei der ersten Einschätzung von Symptomen, bei Routinediagnosen und bei Zweitmeinungen bevorzugen Patientinnen und Patienten weiterhin menschliche Expertise. Die Menschen vertrauen der Ärztin oder dem Arzt also nach wie vor mehr als der KI.
Darin liegt für mich die eigentliche Chance. Wenn KI uns von Tätigkeiten entlastet, die sie gut übernehmen kann, schafft sie im besten Fall Raum für das, was im Alltag zu oft zu kurz kommt. Für das Gespräch. Für Zuwendung. Für den Menschen vor uns.
Genau deshalb war es gut, dass in Berlin diejenigen zusammenkamen, die Veränderungen im Gesundheitswesen beschließen, gestalten oder am Ende umsetzen müssen. Diese unterschiedlichen Perspektiven an einem Tisch zu haben, ist gerade jetzt wichtig. Deshalb passte auch das Motto unseres Hauptstadtforums so gut: „Wissen, wer versorgt.“ Es klingt etwas technisch, fast abstrakt. Aber es trifft den Kern. Wer übernimmt welche Aufgaben? Wer trägt Verantwortung? Und wo bleibt der Mensch unverzichtbar?
Je mehr wir darüber sprechen, was Technik oder neue Strukturen übernehmen können und sollen, desto wichtiger wird die Frage, was wir nicht aus der Hand geben wollen. Dazu gehört für mich vor allem das Menschliche in der Medizin. Denn am Ende versorgt nicht das System. Es versorgen Menschen, die sich auf andere Menschen einlassen. Wer Versorgung verändern will, muss deshalb diejenigen mitnehmen, die sie tragen – und diejenigen, die ihr vertrauen müssen.
Ihre
Christine Neumann-Grutzeck
Präsidentin
Erschienen in BDIaktuell 10/2026