Funktion und Selbstständigkeit als Kern des Fachs
Für nahezu alle Befragten (97 Prozent) ist der Erhalt von Funktion und Selbstständigkeit älterer Menschen das zentrale Merkmal der Geriatrie. Ganzheitliche, patientenzentrierte Versorgung und multiprofessionelle Teamarbeit folgen mit jeweils 87 Prozent. Sechs von zehn Befragten sprechen sich für eine neue, klarere Definition des Fachs aus. Die Sektion hat dafür eine Arbeitsdefinition 2030 vorgelegt:
„Geriatrie ist internistisch fundierte Komplexitätsmedizin für ältere Menschen mit Multimorbidität, Frailty und Funktionsrisiken. Sie verbindet Akutdiagnostik, Rehabilitation und Prävention, arbeitet multiprofessionell und steuert Versorgung über Sektorengrenzen hinweg.“
Finanzierung als strukturelles Kernproblem
Drei Viertel der Befragten sehen den tatsächlichen Versorgungsaufwand in der Vergütung nicht ausreichend abgebildet. Knapp 60 Prozent kritisieren, dass die multiprofessionelle Teamleistung nicht angemessen finanziert wird. Die Sektion fordert deshalb zwei Änderungen:
- Geriatrische Leistungen sollen ab dem ersten Behandlungstag vergütet werden, einschließlich kürzerer Behandlungsformen.
- Der Teamaufwand soll unabhängig von starren 7-, 14- oder 21-Tage-Schwellen abgebildet werden.
Akutgeriatrie und geriatrische Rehabilitation sollen dabei als gleichberechtigte Säulen gestärkt werden, statt um knappe Mittel zu konkurrieren.
Versorgungslücke zwischen Klinik und Zuhause
Die größte Lücke sehen die Befragten beim Übergang von der Klinik in die Häuslichkeit. Jeweils 63 Prozent vermissen in ihrer Region Ambulante Geriatrische Zentren (AGZ) und Angebote zur Vermeidung unnötiger Krankenhauseinweisungen durch beispielsweise geriatrischen Interventionsteams. Mobile geriatrische Teams fehlen nach Angaben von mehr als der Hälfte. Die Sektion setzt sich für regionale Modelle ein, in denen ambulante Zentren, Tageskliniken und aufsuchende Teams verbindlich mit Hausarztpraxen, Pflege und Kliniken vernetzt sind. Die Ambulanten Geriatrischen Zentren sind dabei keine Preistreiber, sondern können je nachdem, was in der Region vorhanden ist, aus bestehenden GIAs, ambulanten oder stationären Rehas oder Tageskliniken entwickelt werden und müssen nicht alle Versorgungstrukturen vorhalten. Auch eine Kooperation mit sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen (SÜV) wäre denkbar.
Geriatrische Kompetenz teilen, Qualität sichern
Eine klare Mehrheit (69 Prozent) sieht die Zukunft der Geriatrie in einer Kombination aus eigenständiger Fachstruktur und fachübergreifendem Co-Management. Besonders gefragt ist geriatrische Expertise in Notaufnahmen (81 Prozent) und in Form von Konsildiensten (78 Prozent). Zugleich warnen viele Mitglieder vor einer „Geriatrie light“ ohne internistische Breite und Teamstruktur. Weiterbildungspolitisches Ziel der Sektion ist ein Schwerpunkt Geriatrie in der Inneren Medizin.
Mehr politisches Gewicht gefordert
Nur knapp jeder Fünfte hält die Geriatrie derzeit für gut politisch vertreten. Als wichtigsten Adressaten nennen die Mitglieder die Bundespolitik, gefolgt von Ärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen, Landespolitik und Krankenhausplanung.
„Die Geriatrie hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt und die rein rehabilitative Nische längst verlassen. Durch das wissenschaftliche Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen konnte eine echte Evidenz für die Verbesserung funktioneller Kompetenz hochaltriger Patienten unter qualitativ hochwertiger geriatrischer Teambehandlung gewonnen werden. Hier besteht eine echte Chance der drohenden demografiebedingten Welle an Pflegebedürftigkeit zu begegnen. Es ist jetzt an der Zeit, dass auch politische Entscheidungsträger diese Zusammenhänge anerkennen und der Geriatrie auch in der ambulanten Prävention Platz und Gehör geben.“, sagt Saskia Otte, stellvertretende Vorsitzende in der BDI-Sektion Geriatrie.
Die nächsten Schritte
Die Sektion hat vier Arbeitsstränge beschlossen:
- Profil: Arbeitsdefinition und Schwerpunktstrategie mit Fachgesellschaften und Kammern
- Finanzierung: faire Vergütung von Akutgeriatrie und Rehabilitation
- Versorgung: ambulante Modellregionen
- Mitglieder und Einfluss: Nachwuchsgewinnung und Politikgespräche
Geplant sind Positionspapiere zu einem Stufenplan der geriatrischen Versorgung und zur Finanzierung, außerdem die Beteiligung an der Nachwuchskampagne unter dem Motto „Alter braucht Zukunft“. Hinzu kommt eine Befragung hausärztlich tätiger Internistinnen und Internisten zu gewünschten Kooperationsangeboten.