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Ein Check-up allein verhindert keine Pflegebedürftigkeit!

Die soziale Pflegeversicherung steht vor dem Kollaps. Eine nachhaltige Reform muss mehr leisten, als die Kosten neu zu verteilen. Hausärzte brauchen daher geriatrische Teams an ihrer Seite – und Patienten wirksame Angebote nach dem Check-up.

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Die Pflegeversicherung sollte verhindern, dass Pflegebedürftigkeit zur Armutsfalle wird. Heute geraten Familien, Beitragszahler und das System selbst an ihre Grenzen. Das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) soll die Finanzierung stabilisieren. Doch höhere Einnahmen und engere Zugangsregeln lösen das Versorgungsproblem nicht. Wer weniger Menschen einen Pflegegrad zuerkennt, hat noch keine Pflegebedürftigkeit verhindert.

Der geplante Check-up 60+ ist deshalb eine Chance. Entscheidend ist, was danach geschieht. Wenn ein älterer Mensch langsamer geht, Gewicht verliert oder wiederholt stürzt, braucht er eine Abklärung und einen erreichbaren Behandlungsplan. Eine Empfehlung, sich mehr zu bewegen, reicht nicht. Sechs Physiotherapieeinheiten allein ersetzen kein über Monate fortgeführtes, ausreichend intensives Kraft- und Gleichgewichtstraining. Wir würden für die Behandlung einer Pneumonie doch auch nicht die Hälfte der notwendigen Antibiotikadosis verschreiben. Das ist ebenso ein Kunstfehler, wie funktionelle Prävention ohne sportwissenschaftlich fundierte Programme mit geprüfter Wirksamkeit und angepasst an Fähigkeiten und persönliche Ziele zu machen.

Genau hier setzt Sekundärprävention an: beginnende Funktionseinbußen erkennen und gezielt behandeln. In einem funktionierenden Modell müssten Hausarztpraxen Risiken erfassen, diese ärztlich einordnen und mit geriatrischer Unterstützung passende Maßnahmen vermitteln. Eine benannte Ansprechperson verfolgt, ob diese tatsächlich beginnen. Bei komplexen Problemen braucht es ein geriatrisches Team: mit ärztlicher Kompetenz, Pflege, Therapie und Sportwissenschaft sowie Ernährungsberatung und Medikamentenprüfung.

Unterstützung für Hausärzte

Dafür benötigen wir ambulante geriatrische Zentren als regionale Anlaufstellen, möglichst an vorhandenen Einrichtungen. Sie unterstützen Hausarztpraxen beim Check-up, übernehmen komplexe Abklärungen und organisieren zusammen mit Pflegestützpunkten, Kommunen und qualifizierten Anbietern die weitere Versorgung. Sie vermitteln auch mobile Angebote und halten Ergebnisse nach.

Die Hausarztpraxis bleibt die erste Adresse und kümmert sich mit Beratung durch das Zentrum und Unterstützung durch ihre Praxisassistenten weiter um die funktionell fitten und wenig morbiden älteren Menschen – also die große Mehrheit. Entscheidender gemeinsamer Endpunkt ist, ob Menschen ihren Alltag bewältigen können.

Umso unverständlicher ist die Besetzung der neuen Pflegestrukturkommission: Eine ausgewiesene hausärztliche oder geriatrische Vertretung fehlt. Gerade Hausärzte und stationär tätige Geriater stoßen häufig die Beantragung eines ersten Pflegegrades an. Sie erkennen behandelbare Ursachen und Rehabilitationspotenzial. Prävention steht zwar im Auftrag der Kommission. Aber wer stellt sicher, dass daraus medizinisch wirksame Versorgung wird? Diese Expertise gehört an den Tisch.

Auch die Anreize müssen stimmen. Höheres Pflegegeld gleicht höheren Hilfebedarf aus. Wenn erfolgreiche Rehabilitation jedoch zum Verlust eingeplanter Unterstützung führt, kann das ihre Akzeptanz erschweren. Zu erproben wären eine befristete Weiterzahlung eines Teils des Pflegegeldes nach nachgewiesener Verbesserung, gesicherte Nachsorge und eine schnelle Wiederaufnahme höherer Leistungen bei erneutem Bedarf.

Die richtigen Anreize setzen

Pflegegrade können bereits heute sinken, sofern die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Entscheidend sind dauerhafte Funktionsgewinne und eine faire Neubegutachtung. Dänemark verbindet häusliche Unterstützung mit Rehabilitation und passt Hilfen auch bei Verbesserungen an. Niemand darf für ausbleibende Fortschritte bestraft werden.

Finanziell überzeugt Prof. Heinz Rothgangs Forderung nach breiterer solidarischer Finanzierung und begrenzten Eigenanteilen. Der Pflegeexperte ist Wunschkandidat der SPD für die Kommission. Ergänzend sollte jedoch ein Ausbau des Pflegevorsorgefonds mit verlässlichen Zuführungen und breit gestreuten Anlagen geprüft werden; Anregungen bietet Schwedens Rentensystem. Das braucht zusätzliche Mittel und Zeit, löst also keine akute Finanzierungslücke.

Die zentrale Aufgabe bleibt: Das PNOG muss aus Früherkennung wirksame Prävention machen. Dafür ist eine verbindliche Zusammenarbeit von Hausarztmedizin und Geriatrie unabdingbar.

Von Prof. Dr. med. Michael Denkinger
Vorstandsmitglied des BDI
Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm einer Geriatrischen Akut- und Rehaklinik
Sprecher des Geriatrischen Zentrums Ulm
Lehrstuhlinhaber für Geriatrie mit Leitung des Instituts für Geriatrische Forschung der Uniklinik Ulm
Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie, Palliativmedizin

• Erschienen in BDIaktuell Ausgabe 11/2026 •