Als fester Bestandteil der Humanmedizin wurde jetzt das Gebiet Gendermedizin im Koalitionsvertrag aufgenommen, um die Qualität der medizinischen Versorgung für alle Geschlechter zu verbessern. Hintergrund ist die eigentlich bekannte Tatsache, dass sich Frauen und Männer biologisch unterscheiden, was aber in der medizinischen Forschung, vor allen Dingen in der Arzneimitteltherapie, nicht berücksichtigt wird. Medikamente werden in erster Linie an jungen Männern mit einem durchschnittlich mittleren Körpergewicht getestet, wobei inzwischen bekannt ist, dass dieselbe Dosis eines Medikamentes im weiblichen Körper mit einem zudem durchschnittlich niedrigerem Körpergewicht vielfältige andere Wirkungen haben kann, d.h. länger und stärker wirksam sein kann und auch andere Nebenwirkungen auftreten können.
Aber nicht nur Medikamentenwirkungen, sondern auch Symptome und Krankheitsverläufe können geschlechtsspezifisch variieren. Was bisher eher ein Nischenthema war, soll jetzt beginnend vom Medizinstudium an über Forschungsvorhaben und Versorgungsrealitäten etabliert werden. Beispielsweise ist vorgesehen, in die Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte geschlechtsspezifische Unterschiede in die Lehrpläne des Medizinstudiums aufzunehmen.
Dabei werden die Begrifflichkeiten Geschlecht und Gender auch in offiziellen Publikationen nicht immer ganz scharf getrennt. Korrekt bezieht sich Geschlecht auf das biologisch/genetische Geschlecht, wohingegen Gender auch soziokulturelle Aspekte berücksichtigt. Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis zumindest die Beteiligten im Gesundheitswesen die Begrifflichkeiten auseinanderhalten können. Eine geschlechtssensible Medizin berücksichtigt alle möglichen Einflussfaktoren. Daten weisen beispielsweise darauf hin, dass soziokulturelle Faktoren hinsichtlich der Lebenserwartung mehr Einfluss haben könnten als biologische Faktoren (www.cloisterstudy.eu).
Gesundheitsministerin Nina Warken will die Frauengesundheit im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) noch stärker in den Fokus rücken. Frauen leiden häufiger an Autoimmunerkrankungen als Männer, sie sterben häufiger am Herzinfarkt. Insbesondere bei Frauen mit Diabetes steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall nach der Menopause signifikant um 40 % beziehungsweise 25 % im Vergleich zu Männern. Auch ist der Insulinbedarf bei vielen Frauen mit Diabetes zyklusabhängig verändert. Unabhängig von der Lebenserwartung erkranken Frauen signifikant häufiger an Morbus Alzheimer. Dies sind nur einige wenige Beispiele, die den Forschungsbedarf an geschlechterspezifischen Krankheitsbildern unterstreicht. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär erklärt: „Wir haben für die Frauengesundheit die Mittel erhöht, weil wir schon selbstkritisch feststellen müssen, dass wir nicht nur in Deutschland, sondern eigentlich weltweit in der Frauengesundheit in vielen Bereichen leider noch immer in der Steinzeit sind“ (Diabetes Forum 6/ 2025, www.diabetologie-online.de).
Mehrere Projekte innerhalb des Förderschwerpunktes“ Gender spezifische Besonderheiten in der Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung“ des BMG existieren bereits.
Fachübergreifend wurde in diesem Jahr die Kommission “Geschlechtersensible Medizin der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)“ gegründet. Alle Teilgebiete der inneren Medizin sind mit ihren Forschungsschwerpunkten in der Kommission vertreten. Langfristiges Ziel der Kommission ist es, durch ihre wissenschaftliche und berufspolitische Arbeit geschlechterbezogene Ungleichheiten im Krankheitsverlauf und der Versorgung zu erkennen und abzubauen.
Das erste Symposium der Kommission wird am Freitag, 30. Januar 2026 in Berlin stattfinden. Es besteht also die begründete Hoffnung, dass eine geschlechtersensible Medizin zunehmend bei allen Beteiligten des Gesundheitswesens in den Fokus rückt und sich damit die medizinische Versorgung der Menschen verbessern wird.
Ihre
Dr. med. Cornelia Jaursch-Hancke
Vorsitzende der Sektion Endokrinologie/Diabetologie
Erschienen in "Die Diabetologie" 1/2026
