| Pressemitteilung

„Diese Reform schafft Schmalspurmedizin in Apotheken und schwächt die Praxen“

Der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten e.V. (BDI), der Hausärztinnen- und Hausärzteverband e.V. (HÄV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ) lehnen den morgen in 2./3. Lesung zu verabschiedenden Gesetzentwurf zur Apothekenreform entschieden ab. Statt die ambulante ärztliche Versorgung zu stärken, wird die Apotheke zu einem zusätzlichen Versorgungsbereich für ärztliche Leistungen ausgebaut.

© wideeyes – stock.adobe.com

Die Verbände kritisieren, dass die Koalition mit der Reform einen zusätzlichen Versorgungsbereich aufbaut, in dem Apotheken zunehmend präventive, diagnostische und therapeutische Aufgaben übernehmen sollen. Vorgesehen sind unter anderem ein erleichterter Zugang zu pharmazeutischen Dienstleistungen ohne ärztliche Verordnung, die Delegation von Schutzimpfungen an PTAs, Pharmazieingenieure sowie Pharmazeuten im Praktikum, die Erlaubnis, venöse Blutentnahmen zu diagnostischen Zwecken in Apotheken durchführen zu dürfen, und gelockerte Vorgaben für Impfungen sowie die Senkung von räumlichen Standards bei Angeboten zu Testungen und pharmazeutische Dienstleistungen.

Ärztliche Aufgaben gehören in ärztliche Verantwortung

„Diese Reform ist kein Beitrag zu einer besseren Versorgung, sondern der Einstieg in Schmalspurmedizin in Apotheken“, erklärt BDI-Präsidentin Christine Neumann-Grutzeck. „Während die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte seit Jahren Budgetdruck, Bürokratie und Sparvorgaben ausbaden müssen, verteilt die Politik neue Zuständigkeiten und wirtschaftliche Perspektiven an andere. Das widerspricht einer klaren und sicheren Rollenverteilung. Ärztinnen und Ärzte diagnostizieren, bewerten Befunde, treffen Therapieentscheidungen und tragen die Verantwortung für die Behandlung. Apotheken sind wichtige Partner in der Arzneimittelversorgung. Aber sie sind keine Ersatzstruktur für ärztliche Diagnostik und Therapie“, so Neumann-Grutzeck.

Kritisch sehen die Verbände, dass die bisher vorgeschriebene ärztliche Verschreibung für bestimmte pharmazeutische Dienstleistungen durch eine bloße Abstimmung zwischen Apotheke und Arzt ersetzt werden soll. Auch die geplante Ausweitung von Impfungen in Apotheken, die Verabreichung von weiteren Impfstoffen durch weitere Berufsgruppen innerhalb der Apotheke, lehnen die Verbände ab. Eine Impfung sei ein medizinischer Eingriff und setze Anamnese, Risikobewertung, Aufklärung, Notfallkompetenz und Dokumentation voraus. Auch die geplante venöse Blutentnahme in Apotheken lehnen die Verbände ab. Entscheidend sei, warum Blut abgenommen werde, welche Werte bestimmt würden, wie Befunde einzuordnen seien und welche Konsequenzen sich daraus ergäben.

Primärversorgung gehört in die Haus- und Kinderarztpraxen

„Primärversorgung gehört in die Hausarztpraxen und Kinderarztpraxen – Punkt. Sie lässt sich nicht in Apotheken verlagern. Wer wirklich eine niedrigschwellige Versorgung stärken will, stärkt unsere Praxen und verteilt nicht wahllos unsere Aufgaben“, erklären Dr.  Markus Blumenthal-Beier und Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes e.V., gemeinsam. „Diese Pläne des Bundesgesundheitsministeriums sind ein gefährlicher Irrweg und ein Rückschritt für die Versorgung!“

Die geplanten Maßnahmen stehen zudem im Widerspruch zur politischen Debatte über ein verbindliches Primärversorgungssystem. Darin geht es um klare Wege, ärztliche Steuerung und verlässliche Zuständigkeiten. Die Apothekenreform setzt dagegen auf zusätzliche Anlaufstellen und neue Schnittstellen mit unklarem Nutzen.

„Die angebliche Entlastung ist eine Farce. Unklare Befunde, Rückfragen, Dokumentationslücken und Nachsteuerung landen am Ende wieder bei uns niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten“, so Blumenthal-Beier und Buhlinger-Göpfarth. „Wer effiziente Versorgungswege will, setzt auf klare Zuständigkeiten – genau dafür ist das Primärversorgungssystem gedacht. Im Vorhinein scheinbar alles daran zu setzen, diese klaren Wege durchs System mutwillig zu splitten, ist schlicht absurd!“

Keine Arzneimittel ohne ärztliche Verordnung

Besonders scharf kritisieren die Verbände die im Gesetz angelegte Möglichkeit, verschreibungspflichtige Arzneimittel künftig in bestimmten Fällen ohne ärztliche Verordnung in Apotheken abzugeben.

„Verschreibungspflichtige Arzneimittel gehören nicht ohne ärztliche Diagnose und Verordnung in die Abgabe durch Apotheken“, betont Dr. med. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. „Wer Arzneimittel bei vermeintlich unkomplizierten Erkrankungen ohne ärztliche Untersuchung verfügbar macht, riskiert Fehlbehandlungen und eine Gefährdung der Patientensicherheit.“

Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei die medizinische Einordnung vermeintlich einfacher Beschwerden besonders anspruchsvoll. „Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen“, so Hubmann. „Symptome könnten sich anders darstellen als bei Erwachsenen, Verläufe rasch kippen und Therapieentscheidungen müssten immer Entwicklungsstand, Vorerkrankungen, Gewicht, Begleitmedikation und familiären Kontext berücksichtigen.“

Koalition muss jetzt die Notbremse ziehen

Der BDI, der HÄV und der BVKJ fordern die Koalitionsfraktionen deshalb auf, die Notbremse zu ziehen und die geplanten Regelungen zur Ausweitung ärztlicher Aufgaben auf Apotheken zu streichen.

Apotheken müssen als wichtige Partner in der Arzneimittelversorgung gestärkt werden. Ärztliche Diagnostik, Therapieentscheidung, Impfaufklärung, Befundbewertung, Blutentnahme und Arzneimittelverordnung müssen jedoch in ärztlicher Verantwortung bleiben.

 

Pressekontakte:

Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten e.V. (BDI)
Bastian Schroeder
Schöne Aussicht 5 • 65193 Wiesbaden
0611 181 33 -12
BSchroeder@noSpam.bdi.de
www.bdi.de 

Hausärztinnen- und Hausärzteverband e. V. (HÄV)
Finia Schultz & Vincent Jörres
Bleibtreustraße 24 • 10707 Berlin
030 887 143 73-60
pressestelle@noSpam.haev.de
www.haev.de 

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ)
Christin Schleheck
0221 68909-11
presse@noSpam.bvkj.de
www.bvkj.de