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Arbeit – Rettungsanker oder Untergang?

Da hatte ich meinen Artikel schon fertig geschrieben für den nächsten Druck und dann kam das!

Ein Gespräch mit einem Kollegen, viel zu spät am Abend, an der Bar zu einem Sloe Gin.

Ein Gespräch, dessen Echo im Kopf nachhallt, auch wenn der Arbeitsalltag einen schon längst wieder gefangen hat. Es ging um die Frage, ob die elektronische AU schuld daran sei, dass wir Deutschen überdurchschnittlich viele Krankentage im europäischen Vergleich haben, oder ob es viel mehr die gesellschaftliche Grundeinstellung zum Thema Arbeit ist.

Ich berichtete von einem Patienten, der noch am Vormittag vor mir gesessen hatte, und sich beklagt hatte, er könne nicht mehr schlafen und sich nicht mehr konzentrieren. Es sei alles zu viel. Zwei Wochen sei der Kollege auf Arbeit schon krank gewesen und er habe alles übernehmen müssen und sei dadurch jetzt völlig erschöpft. Er habe jetzt auch das Recht auf eine Auszeit.

Dieses und ähnliche Szenarien erlebe ich in meiner Praxis regelmäßig.

Arbeit wird zur Belastung

… und Belastung zur Erschöpfung und die Erschöpfung, wenn zu lange ignoriert, dann meist zur psychosomatischen Krankheit. Check: Z56, Probleme in Bezug auf das Berufsleben.

Aber was ist Arbeit? Psychobelastung, Mobbing am Arbeitsplatz. Überlastung. Mehr Effektivität durch Reduktion der Arbeitszeit. Homeoffice. Das sind Schlagworte, die uns in der späten Stunde einfallen und die wir überwiegend in sozialen Medien in Bezug auf das Thema Arbeit wahrnehmen.

Ich muss an das dänische Beispiel denken. In Dänemark werden keine ärztlichen Krankschreibungen benötigt, außer der Chef fordert eine ärztliche Bescheinigung, und dennoch liegt Dänemark im niedrigen bis moderaten Bereich was Fehlzeiten von Arbeitnehmern im europäischen Vergleich angeht. Das dänische Beispiel zeigt, dass ein niedrigschwelliger Zugang zum Fehlen am Arbeitsplatz durch Krankheit nicht die Ursache für viele Fehltage ist.

Könnte es sich dann also doch ggf. um ein gesellschaftliches Problem handeln?

Ich denke an meine älteren Patienten, wenn sie mir im Rahmen der Erhebung der Sozialanamnese von ihrer damaligen Tätigkeit berichten. Die Augen leuchten und sie sprechen stolz von Situationen der Wertschätzungen oder Projekten, an denen sie sich bis heute erfreuen.

Stolz, Freude, Kreativität, Respekt

… interessanterweise finde ich diese Wertung von Arbeit im Internet oder den sozialen Medien heutzutage nur noch bei Anbietern von Coaching-Leistungen.

Wer arbeitet hat ein Einkommen, ist wirtschaftlich unabhängig, entwickelt sich persönlich und beruflich weiter und steigert sein Selbstwertgefühl. Er hat eine Tagesstruktur und ist sozial eingebunden. Gerade in den aktuellen Zeiten, in denen wir täglich mehr Zeit im Internet verbringen als mit Freunden, Nachbarn oder mit Besuchen von Restaurants (erschreckende Statistiken der Zeitverwendungserhebungen sind mir noch im Kopf) sind die sozialen Kontakte mit Arbeitskollegen wichtig. Ich erinnere mich an viele Freundschaften, die über die Jahre durch Arbeit selbst in meinem Leben entstanden sind, die ich nicht missen möchte. Zudem ist Arbeit sinnspendend für unser Leben. Denken wir dabei nur an unsere Patienten mit Depression. Für sie sind gerade diese Aspekte sowie die Aspekte soziale Kontakte und Tagesstruktur therapeutisch wichtig.

Aber was ist mit unserer Gesellschaft geschehen, dass alle diese positiven Aspekte nicht mehr wahrgenommen werden?

Wir wissen alle, dass die Babyboomer in Rente gegangen sind. Der Druck auf jeden Einzelnen steigt und der Arbeitsmarkt sucht händeringend in allen Fachbereichen gutes Personal. Aber das hat auch Vorteile. Ich erinnere mich an Kollegen, denen es nicht möglich war den Facharzt zu erlernen, den sie sich gewünscht hätten, weil es kaum Stellen gab. All das ist ja heute gerade in der Medizin nicht mehr der Fall. Aber freuen wir uns darüber? Ich lese nichts davon.

Arbeit kann krank machen, aber Arbeit kann auch der Grund für ein erfülltes Leben sein. Ich ende mit Steve Jobs (Nomen est Omen?): Die einzige Möglichkeit großartige Arbeit zu leisten, ist zu lieben, was man tut.

Ihre

Dr. med. Iris Cathrin Illing
AG Hausärztlich tätige Internistinnen und Internisten

Erschienen in "CME" 03/2026