Persönliche Erfahrungen
Ein persönliches Beispiel mag dies verdeutlichen. Als mein eHBA zum Jahresende ablief, bestellte ich im Sommer 2025 eine neue Karte. Was folgte, war ein Prozess von fast fünf Monaten Wartezeit. Zunächst wurde der Antrag inklusive Post-Ident-Verfahren über Wochen verschleppt, angeblich wegen technischer IT-Probleme beim Anbieter. Eine Information darüber erfolgte nicht, per Mail oder telefonisch war niemand erreichbar. Ein erneuter Antrag musste auf den Weg gebracht werden. Schließlich kam es zu weiteren Verzögerungen wegen der Abbuchungsfreigabe für die Bearbeitungsgebühr. Man könnte an eine virtuell-digitale Posse denken, wären die Auswirkungen nicht erheblich.
Mehr als vier Wochen war der Praxisablauf massiv gestört, eine Signatur meinerseits war nicht möglich. Elektronische Rezepte und andere signaturpflichtige Dokumente mussten über den Ausweis meines Praxispartners laufen, um mit dieser halblegalen Methode die Versorgung von Patientinnen und Patienten sicherzustellen. Angesichts der Tatsache, dass der eHBA rechtlich nichts anderes ist als eine digitale Unterschrift, wirft dies grundsätzliche Fragen nach der Resilienz der digitalen Infrastruktur auf.
Hinzu kommen wiederholte Austauschaktionen von Heilberufsausweisen und SMC-B-Karten aufgrund technischer oder sicherheitsrelevanter Anpassungen. Erst Ende Februar teilte die KBV mit, dass rund 2600 jüngst ausgegebene eHBA verschiedener Hersteller bis zum Juni 2026 umgetauscht werden müssen. Warum? Weil die Migration des Sicherheitsstandards von RSA zu ECC (Eliptic curve Crytography) nicht sauber umgesetzt wurde. Wieder eine dieser digitalen Possen mit bitterem Beigeschmack. Was uns zum wiederholten Male die Abhängigkeit von der Funktionstüchtigkeit komplexer technischer Strukturen vor Augen führt.
Diese Erfahrungen stehen exemplarisch für eine zentrale Herausforderung: Digitalisierung erzeugt nicht nur Effizienz, sondern auch neue Risiken. Wenn Systeme instabil sind oder Prozesse nicht reibungslos funktionieren, entstehen neue Barrieren. Gerade in einem hochsensiblen Bereich wie der medizinischen Versorgung - ambulant wie stationär - muss digitale Infrastruktur zuverlässig verfügbar sein.
Dringender Verbesserungsbedarf bei ePA
Ähnlich ambivalent fällt die Zwischenbilanz zur elektronischen Patientenakte ePA aus. Ihr Potenzial ist unbestritten. Gerade bei älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten könnte eine strukturierte Akte Doppeluntersuchungen vermeiden, Medikationssicherheit erhöhen und sektorenübergreifende Kommunikation verbessern. Im Praxisalltag ist man jedoch häufig mit technischen Störungen und der mangelnden Übersichtlichkeit gespeicherter Daten konfrontiert. Der erwartete Zeitgewinn bleibt aus.
Das zentrale Problem liegt weniger in der Zielsetzung als in der Umsetzung. Unstrukturierte Dokumentensammlungen, fehlende Such- und Filterfunktionen sowie eingeschränkte Interoperabilität begrenzen den klinischen Nutzen. Eine konsequente Weiterentwicklung hin zu strukturierten Daten, chronologischen Verlaufsdarstellungen und intelligenter Entscheidungsunterstützung ist dringend erforderlich.
Digitalisierung kein Selbstzweck
Die grundlegende Frage bleibt: Wie kann Digitalisierung so gestaltet werden, dass sie tatsächlich entlastet und nicht zusätzliche Bürokratie erzeugt? Voraussetzung sind eine stärkere Einbindung der ärztlichen Perspektive in Entwicklungsprozesse, eine konsequente Evaluation digitaler Anwendungen und stabile technische Rahmenbedingungen. Digitalisierung darf nicht als politisches Symbolprojekt verstanden werden, sondern muss sich am Nutzen für Ärzte und Patienten messen lassen.
Der eingeschlagene Weg zu einer modernen, digital unterstützten Medizin ist richtig und notwendig. Entscheidend wird jedoch sein, ob es gelingt, die Systeme an den Bedürfnissen der Versorgung auszurichten. Nur so kann Digitalisierung ihr Potenzial entfalten – als Werkzeug für bessere Medizin und nicht als zusätzliche Belastung im Praxisalltag.
Ihr
Dr. med. Ivo Grebe
Vorsitzender der AG Hausärztlich tätige Internistinnen und Internisten
Erschienen in "CME" 4/2026
