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ZITIERT
Wir sollten der
Versuchung wider-
stehen, unseren
Glauben, unsere
Ansichten, unsere
ethischen Vorstellun-
gen ins Strafgesetz-
buch zu schreiben.
Haben wir Erbarmen
mit den Menschen,
die sich sorgen.
Renate Künast
(Bündnis 90/Die Grünen)
während der Debatte zur Sterbehilfe
am 13. November im Bundestag.
TOMICEK’S WELT
Zwischenlager
Weil die Besamung von Kühen teu-
er und zeitaufwendig ist, haben
Wissenschaftler jetzt ein Brunst-
messgerät entwickelt. Damit wollen
sie allein am Muhen der Kuh er-
kennen, ob das jeweilige Tier gera-
de läufig ist. Die unterschiedlichen
Laute der Kühe erfassen die Wis-
senschaftler dabei mit einem Gerät
am Halsband, das aus zwei Mikro-
fonen besteht. An den Geräuschen
sei der hormonelle Zustand der
Rinder erkennbar, sagte der Verhal-
tensphysiologe
Peter-Christian
Schön vom Leibniz-Institut für
Nutztierbiologie (FBN) in Dum-
merstorf bei Rostock. Eine seit ei-
nem Jahr laufende Testreihe mit 16
Rindern habe gezeigt, dass sich die
Laute eindeutig dem jeweiligen
Brunststadium zuordnen lassen.
Das Gerät erfasse aber nicht nur
die Zahl der Laute, sondern auch
harmonische und disharmonische
Anteile, so Schön. Damit seien
selbst Rückschlüsse auf das Befin-
den der Tiere möglich.
(dpa)
Forscher können
am Muhen die
Brunst erkennen
AUCH DAS NOCH
NEUMÜNSTER.
Ein Arzt geht ins Ge-
fängnis und bezeichnet dies als „eine
der besten Entscheidungen, die ich je
getroffen habe.“ Dr. Gerhard Netze-
band ist hauptberuflich Anstaltsarzt in
der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neu-
münster und mit seinem Beruf heute
deutlich zufriedener als vor dem
Wechsel.
Netzeband war vorher 25 Jahre lang
niedergelassener Arzt, hat zunächst in
Heidelberg gearbeitet und danach lan-
ge Zeit in eigener Praxis in Neumüns-
ter. 2011 entschied er sich im reifen
Alter von 61 Jahren, die eigene Praxis
gegen die Tätigkeit als Anstaltsarzt in
der JVA einzutauschen. Damit ist Net-
zeband heute einer von nur drei
hauptamtlichen Anstaltsärzten.
Mehr therapeutische Freiheiten
Als Grund für den ungewöhnlichen
Wechsel führt der Allgemeinmediziner
unbefriedigende Rahmenbedingungen
für die ärztliche Niederlassung in
Deutschland an – Bedingungen, die
ihn hinter Gittern nicht behindern.
„Diese Tätigkeit begeistert mich im-
mer noch. Hier in der JVA kann ich
ganz einfach die Medizin machen, wie
ich es mir vorstelle. Eigentlich ist es
ein Armutszeugnis für unsere Solidar-
gemeinschaft, dass dies in der Praxis
nicht möglich ist. Als Anstaltsarzt
kann ich aber alles machen, was medi-
zinisch geboten ist“, sagt Netzeband.
Luxusmedizin kann er seinen Ge-
fangenen allerdings nicht bieten. Auch
als Anstaltsarzt ist Netzeband gehal-
ten, wirtschaftlich zu arbeiten. Aber
im Gegensatz zu früher ist er jetzt
nicht mehr budgetiert, fühlt sich heute
weniger reglementiert als in eigener
Praxis, hat mit weniger Bürokratie zu
kämpfen als in der Niederlassung und
er kann sich bei Bedarf auch mal eine
halbe Stunde Zeit für ein Gespräch
mit einem Patienten nehmen.
Das ist allerdings auch häufiger er-
forderlich als „draußen“. Der Anteil
an psychisch auffälligen Patienten ist
deutlich größer als in der Praxis eines
Allgemeinmediziners. Und die Haft-
zeit bewirkt, dass viele Insassen Rede-
bedarf haben und im Arzt hin und
wieder eine Art Seelsorger suchen.
„Manchmal muss man einfach mal zu-
hören und einen Rat geben“, be-
schreibt der Allgemeinmediziner einen
wichtigen Teil seiner Tätigkeit. Netze-
band verschweigt dabei aber auch
nicht, dass ihm persönlich die geregel-
te Arbeitszeit des Amtsarztes ohne Ex-
tradienste entgegenkommt. „Ich bin
jetzt 64 Jahre alt und habe die Vorteile
einer geregelten Arbeit im öffentlichen
Dienst schätzen gelernt“, gibt der All-
gemeinmediziner offen zu.
Unvorbereitet hat er sich auf die
Tätigkeit im Gefängnis nicht bewor-
ben. Er hat zuvor bereits einige Jahre
als Vertretungsarzt neben seiner Praxis
als Anstaltsarzt gearbeitet. Die vorher
fremde Welt im Justizbereich, der Um-
gang mit Staatsanwälten und die Be-
schäftigung mit neuen Fragen hätten
ihn gereizt, sagt Netzeband.
„Ist das nicht gefährlich?“
Zu den Reaktionen in seinem persönli-
chen Umfeld zu der ungewöhnlichen
Tätigkeit zählte auch die Frage „Ist
das nicht gefährlich?“ Netzeband ent-
gegnet dann: „Es gibt kaum einen si-
chereren Ort als das Gefängnis.“ Er
verweist auf die hohen Sicherheitsbe-
stimmungen, die uniformierten Mitar-
beiter im Vollzugsdienst, die Alarm-
knöpfe an jedem Arbeitsplatz. „Ich ha-
be keine Bedenken, durch eine Grup-
pe mit zehn Gefangenen hindurchzu-
gehen. Ich bin noch nie in eine be-
drohliche Situation geraten“, sagt Net-
zeband.
Beschimpfungen habe es zwar gege-
ben, aber noch nie tätliche Angriffe.
Und die meisten Patienten verhalten
sich ihm gegenüber ohnehin nicht viel
anders, als er es aus seiner langjähri-
gen Erfahrung in der Praxis kennt. Al-
lerdings würde er die Tätigkeit im Ge-
fängnis auch nicht jedem empfehlen.
Lebens- und Berufserfahrung hält der
Allgemeinmediziner schon für hilf-
reich, um mit den Häftlingen zurecht-
zukommen.
Arzt im Knast: Die Freiheit hinter Gittern
Er arbeitete viele Jahre als
niedergelassener Arzt und
entschied sich im Alter von
61 Jahren zu einem radika-
len Wechsel: Dr. Gerhard
Netzeband ist seit 2011
hauptberuflich Anstaltsarzt
in der Justizvollzuganstalt
Neumünster in Schleswig-
Holstein.
Hier in der JVA
kann ich ganz
einfach die Medizin
machen, wie ich
es mir vorstelle.
Dr. Gerhard Netzeband
Anstaltsarzt in der Justizvollzugs-
anstalt (JVA) Neumünster
Überall Gitter und Stacheldraht: Dr. Gerhard Netzeband fühlt sich dennoch in der JVA Neumünster wohl.
© SCHNACK
Von Dirk Schnack
16
Dezember 2014
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