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Die Bevölkerung malt eine düstere
Prognose für die Zukunft des deut-
schen Gesundheitssystems. Während
alle Befragten einen kommenden Pfle-
genotstand in Deutschland befürchten,
sehen vor allem Ärzte einen zuneh-
menden Ärztemangel auf das deutsche
Gesundheitssystem zukommen. Insbe-
sondere die Befragten aus den östli-
chen Bundesländern berichten bereits
heute von einer eingeschränkten ärzt-
lichen Versorgung. Dennoch bewerten
die Deutschen das heutige Gesund-
heitssystem überwiegend positiv –
allerdings mit deutlichen regionalen
Unterschieden. Am zufriedensten sind
die Menschen in Sachsen und Berlin,
Schlusslichter sind Mecklenburg-Vor-
pommern und Thüringen, wo der Ärz-
temangel bereits deutlich spürbar ist.
Die künftige Entwicklung wird von der
Bevölkerung und den Ärzten pessimis-
tisch beurteilt, wobei auch mit zuneh-
menden Einschnitten gerechnet wird.
Tatenlosigkeit der Politik gegen
befürchteten Pflegenotstand
Der von Bevölkerung und Ärzten
befürchtete Pflegenotstand wird
begleitet durch den Vorwurf an die
Politik, tatenlos diesen Szenarien zuzu-
sehen. Mehr als jeder Zweite sorgt sich
bereits heute um seine finanzielle Absi-
cherung im Pflegefall. Auch das Ver-
trauen in die gesetzliche Pflegeversi-
cherung ist deutlich zurückgegangen,
da bereits mehr als drei Viertel der
Befragten inzwischen fürchten, dass die
Leistungen zur Sicherstellung einer
guten Pflege nicht ausreichen werden
(2010: 64%). Bei den Ärzten ist diese
Sorge mit 80% sogar noch wesentlich
höher. Hieraus resultieren die negati-
ven Urteile über die Politik, die sich
nach Ansicht aller Befragten vermehrt
für das Thema „Pflege“ einsetzen sollte.
Fraglich bleibt allerdings, ob die Politik
dieses Problem wird lösen können.
Auch wenn jüngst der Einstieg in eine
kapitalgedeckte Zusatzabsicherung
beschlossen wurde, reicht dies nach
Ansicht aller Befragten noch nicht aus.
Vielmehr spricht sich eine Bevölke-
rungsmehrheit von 43% für eine ver-
pflichtende Zusatzversicherung aus;
noch eindeutiger ist das Bild mit 72%
bei den Ärzten.
Sorgen über Ärztemangel steigen
Vor allem die Ärzte sehen zunehmend
den Ärztemangel auf das deutsche
Gesundheitssystem zukommen. Bereits
heute sehen fast zwei Drittel (2010:
46%) ein Problem im Ärztemangel;
weitere 23% rechnen zukünftig damit.
Im Ergebnis zeigt sich ein deutliches
Ost-West-Gefälle: In Ostdeutschland
sprechen 69% von einem Ärztemangel
in ihrer Region, im Westen sind es nur
47%. Der sich abzeichnende Ärzteman-
gel wird jedoch bisher deutlich weni-
ger von der Bevölkerung wahrgenom-
men (ca. 13%). Bundesweit besonders
betroffen sind die Menschen in struk-
turschwächeren Regionen mit weniger
als 25.000 Einwohnern. Hier spüren
bereits 20% einen Ärztemangel, 29%
rechnen zukünftig damit.
Wie in der Pflege zeigt sich auch hier
eine große Unzufriedenheit mit der
Politik. Die Ärzte haben mit ca. 72%
weiterhin keinen guten Eindruck von
der Gesundheitspolitik der Bundesregie-
rung, während es in der Bevölkerung
„nur“ 55% sind. Eine deutliche Ärzte-
mehrheit von 70% vertritt die Meinung,
dass der Gesetzgeber den Ärztemangel
und seine Auswirkungen unterschätzt.
Diese Einschätzung kann auch das
jüngst auf den Weg gebrachte Versor-
gungsstrukturgesetz nicht verhindern.
Düstere Zukunftsprognosen
Die Bevölkerung schätzt die Entwick-
lung in den nächsten zehn Jahren nach
wie vor sehr pessimistisch ein. Gerade
einmal 16% sind davon überzeugt, dass
die heutige Versorgung für alle Bevöl-
kerungsschichten aufrechterhalten
werden kann. Dementgegen erwarten
79% steigende Kassenbeiträge, 78%
höhere Zuzahlung für Medikamente
und 79% eine Zweiklassenmedizin. 61%
rechnen aufgrund des demographi-
schen Wandels, der das Gesundheits-
system belasten wird, mit volleren
Arztpraxen und Problemen, einen Ter-
min zu erhalten. Über die Hälfte der
Bevölkerung befürchtet sogar, dass
teure Behandlungen bei älteren Men-
schen aus Kostengründen zukünftig
nicht mehr durchgeführt werden. Auch
die Ärzte sehen das Gesundheitssystem
nicht ausreichend auf die demographi-
schen Herausforderungen vorbereitet.
86% der Ärzte fordern grundlegende
Reformen, um das Gesundheitssystem
zukunftssicher aufzustellen. Dieser For-
derung folgen auch drei Viertel der
Bevölkerung, die jedoch gleichzeitig
einschneidende Reformschritte mehr-
heitlich ablehnen. So sind 89% der
Bevölkerung der Meinung, dass eine
Erhöhung der Krankenkassenbeiträge
ebenso unzumutbar sei wie die Ein-
schränkung der freien Arztwahl (87%).
Dipl.-Betrw. Tilo Radau
Geschäftsführer des BDI
Nr. 2 • Februar 2012
5
Berufspolitik
6. MLP Gesundheitsreport
(Fortsetzung von Seite 1)
Gute Noten für das deutsche Gesundheitssystem,
aber düstere Zukunftsprognosen