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Medizin
Nr. 2 • Februar 2012
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Chimowitz et al. verglichen bei
Patienten mit 70 bis 99 %iger Stenose
die interventionelle Behandlung mit
einem aggressiven, aber konservati-
ven Behandlungskonzept. Dies
bestand aus einer Kombinationsthe-
rapie mit 325 mg Acetylsalicylsäure
und 75 mg Clopidogrel täglich, der
Einstellung von Hypertonus und
Hyperlipidämie, Diabetes-Kontrolle,
Raucherentwöhnung und Gewichtsre-
duktion innerhalb eines Programms
zur Änderung der Lebensgewohnhei-
ten. Die Gruppen waren hinsichtlich
soziodemographischer und klinischer
Daten vergleichbar. Nach 30 Tagen
war bei 33 Patienten der Stent- und
bei 13 der Medikamenten-Gruppe ein
Schlaganfall aufgetreten (14,7 vs.
5,8 %; p = 0,002). 2,2 bzw. 0,4 % der
Patienten starben daran. Die gestei-
gerte Schlaganfall-Häufigkeit nach der
interventionellen Therapie war mit
einer hohen Rate an intrakraniellen
Blutungen assoziiert (30,3 %).
25 Schlaganfälle traten innerhalb
eines Tages nach dem Eingriff und
8 Schlaganfälle nach zwei bis sechs
Tagen auf. Die Komplikationsrate war
nicht mit einem bestimmten Kran-
kenhaus assoziiert und nicht geringer
in Kliniken mit besonders hoher Fre-
quenz und gut trainierten Neurolo-
gen. Auch in einem längeren Beob-
achtungszeitraum (> 30 Tage) kamen
mit dem Wingspan-System häufiger
schwere Schlaganfälle vor als wäh-
rend der konservativen Behandlung
(p = 0,009). Insgesamt unterschieden
sich Todesfälle und Schlaganfälle
nicht signifikant.
Fazit
Die intrakranielle Ballon-Dilatation
und Stent-Platzierung mit dem Wing-
span-System war im Vergleich zu
einer konservativen, aber umfassen-
den Vorgehensweise mit einer höhe-
ren Schlaganfallrate assoziiert, so die
Autoren. Dabei traten v.a. hämorrha-
gische Insulte häufiger auf.
Kommentar zur Studie
Das Ergebnis der Studie unterstreiche,
dass nicht die Sicherheit des Kathe-
ters, sondern die Gefährlichkeit der
Prozedur an sich das Schlaganfallrisi-
ko bestimmt habe. Die besondere
Anatomie der intrakraniellen Gefäße
stelle das Hauptproblem dar. Das
straffe „Lifestyle-Modifizierungs-Pro-
gramm“ sei vielleicht nicht überall in
toto übertragbar, aber dennoch anzu-
streben. Die Kombination von Acetyl-
salicylsäure mit Clopidogrel sei v.a.
unkompliziert und empfehlenswert.
Kritisch äußert sich J. P. Broderick
zum Zulassungsverfahren für das
Wingspan-System, das nach guten
Ergebnissen bei allerdings wenigen
Patienten von der „Food and Drug
Administration“ (FDA) positiv
beschieden worden sei. Die Studie sei
schließlich inzwischen die dritte, bei
der intrakranielle interventionelle
Eingriffe nicht zu einer Abnahme der
Schlaganfallhäufigkeit geführt hätten.
N Engl J Med 2011; 365: 1054–1055
Dr. med. Susanne Krome
Intrakranielle Gefäß-
stenosen: Medikamente
oder Stent?
Günstige Ergebnisse und eine schnelle Zulassung führten zu hohen
Erwartungen an das Wingspan-System für die Dilatation intrakra-
nieller Gefäßstenosen. Diese bestätigten sich nun nicht. Eine Studie
mit 451 Teilnehmern musste wegen häufiger Schlaganfälle abgebro-
chen werden.
N Engl J Med 2011; 365: 993–1003
Neurologie
Je die Hälfte der zwischen 55- und
74-jährigen Patienten mit einer
Geschlechtsverteilung von 1:1 wurden
randomisiert einer Untersuchungs-
gruppe und einer Kontrollgruppe zuge-
teilt. 45 % davon waren Patienten, die
noch nie geraucht haben, 42 % waren
Ex-Raucher und 10 % aktive Raucher.
Die Kontrollgruppe erhielt initial sowie
nach 1, 2 und 3 Jahren eine Röntgen-
Thorax-Untersuchung p.a. (Adhärenz
86,6 %). Die Kontrollgruppe verzeichne-
te zu 11 % Röntgen-Thorax-Untersu-
chungen.
Als primärer Endpunkt diente die Lun-
genkarzinom-Mortalität. Sekundäre
Endpunkte umfassten die Karzinom-
Inzidenz, Komplikationen bei diagnos-
tischen Prozeduren und die Gesamt-
mortalität. Die Nachbeobachtungszeit
endete im Dezember 2009 oder nach
13 Jahren.
In der Screeninggruppe betrug die Lun-
genkarzinom-Inzidenz kumulativ 20,1
pro 10 000 Personenjahre, in der Kon-
trollgruppe 19,2 pro 10 000 Personen-
jahre. Insgesamt gab es 1213 Todesfälle
aufgrund von Lungenkrebs in der
Screeninggruppe im Vergleich zu 1230
in der Kontrollgruppe (relatives Sterb-
lichkeits-risiko 0,99; 95 %-Konfidenz-
intervall 0,87–1,22). Die Verteilung der
Tumorstadien und der histologischen
Typen unterschied sich nicht signifi-
kant. Auch für die Untergruppe der
Raucher, die den Kriterien der „Natio-
nal Lung Screening Study“ (NLST;
Vergleich Screening mit Spiral-CT
vs. Röntgen-Thorax bei Rauchern)
entsprach, fanden sich in einer Post-
hoc-Analyse keine signifikanten Unter-
schiede zwischen beiden Gruppen.
Fazit
Die jährliche Durchführung von Rönt-
gen-Aufnahmen der Lungen über einen
Zeitraum von vier Jahren verringert die
Zahl der Lungenkarzinom-Todesfälle
nicht, auch nicht in einer Untergruppe
von Rauchern, so die Autoren.
Kommentar zur Studie
In seinem Kommentar weist H. C. Sox
darauf hin, dass nur 307 der insgesamt
1696 Lungenkrebsfälle durch die Rönt-
gen-Aufnahmen gefunden wurden und
stellt Überlegungen an, welche Nachbe-
obachtungsdauer den wahren Nutzen
einer Screening-Methode am besten
erfasst. Das Problem der Überdiagnose
und damit einer risikobehafteten The-
rapie von eigentlich nicht therapiebe-
dürftigen Veränderungen kommt zur
Sprache. Er hebt hervor, dass die NLST-
Studie einen Rückgang der Lungen-
krebs-Mortalität durch ein Screening
mit Spiral-CT gegenüber dem konven-
tionellen Röntgen um 20 % zeigen
konnte und folgert, dass die Frage nach
dem Nutzen von Röntgen-Thorax-Auf-
nahmen zum Lungenkrebs-Screening
damit endgültig negativ beschieden ist.
JAMA 2011; 306: 1916–1918
Dr. med. Peter Pommer
Seit den 1970er Jahren gibt es Diskussionen darüber, welche Vorsor-
gestrategien die Karzinom-Mortalität senken könnten. Bisherige Stu-
dien konnten die Effektivität des radiologischen Screenings bezüglich
des Lungenkarzinoms nicht beweisen. Dies könnte jedoch an der zu
geringen Probandenzahl gelegen haben. Daher führten nun
M. M. Oken et al. zwischen 1993 und 2001 eine Studie mit insgesamt
154 901 Patienten durch.
JAMA 2011; 306: 1865–1873
Onkologie – Epidemiologie
Thorax-Screening senkt
Karzinom-Mortalität nicht
Die Studie zeigt, dass durch eine jährliche Durchführung von Röntgen-Aufnahmen der
Lungen über einen Zeitraum von vier Jahren die Zahl der Lungenkarzinom-Todesfälle
nicht reduziert werden kann. Bild: Röntgenthorax-Aufnahme posterior-anterior
(Quelle: Dtsch Med Wochenschr 2010; 135: 390–393).
Die Beiträge sind erstmals erschienen in der
Deutschen Medizinischen Wochenschrift
(Dtsch Med Wochenschr 2011; 136: 2529,
2231). Alle Rechte vorbehalten.
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