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Spiel in Unterzahl

© 103tnn – stock.adobe.com

Der Fachkräftemangel in Deutschland hat ein Rekordniveau erreicht. Laut des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gibt es branchenübergreifend aktuell über eine halbe Million offene Stellen. Besonders ausgeprägt sind die Engpässe im Gesundheitswesen. Das betrifft nicht nur die stationäre und ambulante Pflege, sondern zunehmend auch die Medizinischen Fachangestellten in unseren Praxen und natürlich Ärztinnen und Ärzte. Wir alle spüren es täglich.

Das bestätigt auch die jüngste Ärztestatistik der Bundesärztekammer. Zwar steigen die Arztzahlen bundesweit weiter kontinuierlich an (2021 um 1,7 Prozent). Das reicht aber bei weitem nicht aus, um den Versorgungsbedarf einer immer älter werdenden Gesellschaft zu decken. In den Krankenhäusern sind die jährlichen Behandlungsfälle seit 1991 um über 30 Prozent gestiegen. Hinzu kommen laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung noch rund eine Milliarde ambulante Arztkontakte pro Jahr. Unabhängig von der Personalsituation benötigen wir dringend Mechanismen, um die Patientenströme sinnvoll und ressourceneffizient zu steuern.

Mit der Gesellschaft werden auch die Ärztinnen und Ärzte älter. Über ein Fünftel sind älter als 60 Jahre. Sie scheiden bald aus dem Berufsleben aus. Hinzu kommt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Teilzeitarbeit und – berechtigterweise – dem Wunsch nach weniger Belastung durch Überstunden und konsequenter Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes. Insgesamt sind somit mehr Kolleginnen und Kollegen notwendig, um die freien Stellen nachzubesetzen.

Was tun? So abgedroschen es klingen mag: Wir müssen mehr Medizinerinnen und Mediziner ausbilden. Das allein wird aber nicht reichen, wenn wir zeitgleich die beruflichen Rahmenbedingungen nicht ändern. Es ist kein nachhaltiger Zustand, dass die ärztliche Weiterbildung aufgrund des Personalmangels im Klinikalltag ins Hintertreffen gerät. Es ist auch nicht tragbar, dass das Burnout-Risiko bei Ärztinnen und Ärzten massiv zugenommen hat. Diese Zustände müssen sich ändern, wenn wir dem ärztlichen Nachwuchs eine attraktive Perspektive bieten und gleichzeitig verhindern wollen, dass Kolleginnen und Kollegen die direkte Patientenversorgung verlassen.

Wie dünn die Personaldecke in den Kliniken und Praxen bereits ist, haben die letzten Monate eindrucksvoll gezeigt. Ohne den außergewöhnlichen Einsatz aller Beschäftigen im Gesundheitswesen wäre die Versorgung schon längst zusammengebrochen. Aus dieser Erkenntnis muss die Politik endlich Konsequenzen ziehen. Dabei ist es ein Trugschluss des Bundesgesundheitsministers, dass die Ausgliederung der Arztkosten aus den DRG aufgrund des Ärztemangels nicht notwendig sei. Doch! Gerade wegen des Personalmangels brauchen wir feste Vorgaben und eine angemessene Finanzierung der Stellen, um die Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Denn natürlich wird schon am ärztlichen Personal gespart. Fragen Sie einmal bei Fresenius nach!

Umso wichtiger ist es, dass wir als versammelte Ärzteschaft gegenüber der Politik in Bund und Ländern nicht lockerlassen. Als BDI werden wir unsere Forderungen beim 126. Deutschen Ärztetag in Bremen, der diese Woche tagt, einbringen und weiter für bessere Rahmenbedingungen kämpfen!

Ihre

Christine Neumann-Grutzeck
Präsidentin

Erschienen in BDIaktuell 06/2022