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Affenpocken – eine neue Diagnose

Seit Mai dieses Jahres werden auch in Deutschland immer mehr Fälle von Infektionen mit Affenpocken (monkeypox virus, MPV, früher auch: Orthopoxvirus simiae) gemeldet. Was ist der Stand der Dinge? Ein Überblick.

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Multiple Hautläsionen im Genitalbereich am Tag 3 der Erkrankung. © Infektiologikum Frankfurt

Hautläsionen im Genitalbereich am Tag 14 der Erkrankung. © Infektiologikum Frankfurt

Mehrere bestätigte Fälle von Affenpocken, die ein klinisches Bild ähnlich dem der klassischen Pocken, Windpocken oder der primären oder sekundären Syphilis verursachen kann, traten in den letzten Monaten in unterschiedlichen europäischen Ländern Europas in ungewöhnlicher Häufung auf. Das Bemerkenswerte hierbei ist, dass, bis auf einen einzigen Fall, keine Reiseanamnese für Gebiete, in denen die Affenpocken endemisch sind (West- und Zentralafrika), zu eruieren war. Der Großteil der betroffenen Patienten sind Männer, die Sex mit Männern haben.Sporadische reiseassoziierte Fälle von Affenpocken außerhalb Afrika und ein 2003 vorkommender Ausbruch in USA gab es in den letzten Jahren immer wieder, die Häufigkeit dieser Fälle hat jedoch in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen – mutmaßlich aufgrund der schwindenden Bevölkerungs-Kreuzimmunität nach klassischer Pockenimpfung.

Mehr als 1.000 Fälle in Deutschland

Die Übertragung findet überwiegend durch engen direkten Haut- bzw. Schleimhaut-Kontakt sowie auch als Schmierinfektion statt. Die Inkubationszeit wird mit fünf bis 21 Tagen angegeben. Zunächst beginnt die Krankheit mit Allgemeinsymptomen wie Fieber, Kopf und Muskelschmerzen, meist entstehen hiernach erst die Hauteffloreszenzen. Ähnlich wie bei Pocken und Windpocken ist der Bläscheninhalt besonders kontagiös. Es ist davon auszugehen, dass die Infektiosität bis zum Abheilen der Hautläsionen besteht. Erkrankte werden ab Beginn der Erkrankung in der Regel für mindestens 21 Tage isoliert. In ersten Fallberichten ließ sich das Virus praktisch in allen Körperflüssigkeiten sowie auch im Rachenabstrich nachweisen.

Mit Stand 1. Juli 2022 sind 1054 Affenpockenfälle aus allen 16 Bundesländern ans RKI übermittelt worden.

Therapie absprechen!

Bisher ist in Europa zur Therapie einer Affenpockeninfektion lediglich Tecovirimat zugelassen. Für die Therapie schwerer Fälle kann die Gabe von humanem Vaccinia-Immunglobulin erwogen werden. Ebenso könnte Brincidofovir, ein Abkömmling des Cidofovirs, welches in den USA zugelassen ist, zum Einsatz kommen. Für alle erwähnten Therapeutika fehlen aktuell Daten zur klinischen Wirksamkeit. Alle Therapien sollten in enger Zusammenarbeit mit der Experten-Gruppe des STAKOB (Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger) am Robert Koch-Institut abgesprochen werden.

Es wird zweimal geimpft

Sowohl zur Prävention, als auch wahrscheinlich zur früh eingeleiteten Postexpositionsprophylaxe steht ein in Europa und in den USA zugelassener Drittgenerations-Pockenimpfstoff zur Verfügung (IMVANEX™ in Europa und JYNNEOS™ in den USA). Es handelt sich in beiden Fällen um einen modifizierten Vaccinia Ankara Lebendimpfstoff, der sich jedoch in menschlichen Gewebe nicht vermehren kann. Beide Impfstoffe werden als 20´er-Gebinde bei -20 Grad gelagert und können als Einzeldosis aus dem Gebinde entnommen werden. JYNNEOS™ muss innerhalb von zwölf Stunden nach dem Auftauen verimpft werden, IMVANEX™ hingegen kann bis zu acht Wochen bei 2° C–8° C im Dunkeln gelagert werden.

Das Impfschema unterscheidet sich nicht: eine erste Dosis von 0,5 ml wird s.c. verabreicht, frühestens 28 Tage nach der ersten Dosis sollte eine zweite Dosis von 0,5 ml verabreicht werden. Bei HIV-infizierten Menschen ist ggf. eine weitere Dosis nach 28 Tagen erforderlich. Personen, die bereits in der Vergangenheit gegen Pocken geimpft wurden, reicht wahrscheinlich eine Impfdosis aus. Die Impfung soll auch bei Personen mit Immundefizienz erfolgen. Klinische Daten zur Wirksamkeit gibt es keine, jedoch eine Fülle serologischer Daten, die ein exzellentes Ansprechen mit Serokonversionsraten von über 90 % zeigen.

Die Impfempfehlung ist von der STIKO bereits veröffentlich worden und unterscheidet sich marginal von den US-amerikanischen und britischen Empfehlungen. Empfohlen wird die präventive Impfung mit IMVANEX™ für Personen im Alter ab 18 Jahre mit erhöhtem privatem (Männer, die Sex mit wechselnden männlichen Partnern haben) oder beruflichem (Personal in Speziallaboratorien, das mit Orthopockenmaterial arbeitet) Expositionsrisiko. Die Postexpositionsprophylaxe bei Personen im Alter ab 18 Jahre zur Verhinderung einer Affenpockeninfektion nach Exposition sollte so früh wie möglich im Zeitraum von bis zu 14 Tagen nach Exposition erfolgen und ist nach definierter privater und beruflicher Exposition indiziert.

 

STIKO-Empfehlungen

Postexpositionsprophylaxe:

  • nach engem Kontakt über nichtintakte Haut oder Schleimhäute mit einer Person mit Affenpocken (sexuelle Kontakte, Haushaltskontakte)oder bei längerem ungeschützten Face-to-face-Kontakt (Abstand , 1 Meter),
  • nach engem Kontakt zu einer Person mit bestätigten Affenpocken, ihren Körperflüssigkeiten oder zu kontaminiertem potenziell infektiösen Material in der med. Versorgung, wenn es keinen ausreichenden persönlichen Schutz gegeben hat (FFP2-Maske / anderer med. Mund-Nasenschutz, Handschuhe, Schutzkittel),
  • bei Laborpersonal mit akzidentiell ungeschütztem Kontakt zu Proben, die nicht-inaktiviertes Affenpockenmaterial enthalten.

Indikationsimpfung:

  •  Männer mit gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakte mit häufig wechselnden Partnern,
  • Personal in Speziallabors, das mit infektiösen Proben (Orthopockenmaterial) hantiert (individueller Risikobewertung durch Sicherheitsbeauftragte).

 

PD Dr. med. Markus Bickel und Dr. med. Gerrit Kann, Infektiologikum, Frankfurt

Prof. Dr. Holger Rabenau, Institut für Medizinische Virologie, Universitätsklinikum Frankfurt

Dr. med. Elham Khatamzas, Zentrum für Infektionsmedizin, Universitätsklinikum Heidelberg

 

Erschienen in BDIaktuell 07-08/2022