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Warum wir Second Victims ernst nehmen sollten

Eine der größten Schwächen unseres Gesundheitssystems ist, dass es für die darin Arbeitenden selbst nicht gesund ist, sagt der Arzt und Patientensicherheitsforscher Professor Reinhard Strametz. Gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland und Österreich hat er eine Handlungsempfehlung herausgegeben, um Second Victims zu unterstützen. Im Interview erläutert er, worauf es dabei ankommt.

Das Interview führte Dr. Cornelius Weiß

© Fotostudio Hoffmann, Frankfurt am Main

BDI aktuell: Herr Professor Strametz, könnten Sie uns kurz beschreiben, was ein Second Victim ist?

Professor Reinhard Strametz: Der Begriff Second Victim wurde durch den Amerikanischen Internisten Albert Wu im Jahr 2000 geprägt und bezeichnete initial nur ärztliche Kolleginnen und Kollegen, denen ein schwerwiegender, oft tödlicher Fehler in der Patientenversorgung passiert und die dadurch selbst traumatisiert werden. Mittlerweile ist der Begriff auf alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen erweitert worden und wir wissen, dass es nicht zwingend katastrophaler Ausgänge bedarf, um traumatisiert zu werden. Mitunter verursachen auch kritische Ereignisse (critical incidents) solche Folgen. Der Begriff Second Victim, der durchaus kontrovers diskutiert wird, gab diesem globalen Phänomen einen Namen und einen Rahmen, etwas dagegen zu unternehmen.

BDI aktuell: Also gab es Second Victims schon immer und es handelt sich eben nicht um ein neues Phänomen, welches uns die Corona-Pandemie beschert hat...

Professor Reinhard Strametz: Second Victims gibt es seit Anbeginn der Patientenversorgung, aber erst durch die Corona-Pandemie, durch die kollektive Erfahrung massiver psychischer Belastung unter Behandelnden, wurde das Thema in weiten Teilen enttabuisiert. Die Pandemie demaskiert viele Schwächen unseres Gesundheitssystems. Die vielleicht größte Schwäche ist, dass unser Gesundheitssystem für die darin Arbeitenden selbst nicht gesund ist: So führen beispielsweise fehlende Einarbeitungskonzepte, Schwächen in Prozessabläufen, ungeklärte Zuständigkeiten, Überlastung bei mangelnder Supervision, unzureichend eingeübtes Notfallmanagement und Kommunikationsdefizite zu vielen vermeidbaren Fehlern, die dann nicht nur Patienten schädigen, sondern auch traumatisierte Behandelnde als Second Victims hinterlassen.

BDI aktuell: Wie viele Behandler werden denn zu Second Victims?

Professor Reinhard Strametz: Wir haben das in Deutschland bei Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten der Inneren Medizin und Pflegepersonal untersucht und die Ergebnisse bestätigen die erschreckenden Vergleichszahlen aus amerikanischen und europäischen Befragungen. Sechs von zehn Internistinnen und Internisten werden bereits während der Weiterbildungszeit erstmals zu Second Victims, bei Pflegenden sieht es vergleichbar aus. Was mich dabei besonders nachdenklich macht: Nur eine/r von zehn befragten Internistinnen und Internisten kennt das Phänomen und damit möglicherweise auch die negativen Folgen für sich selbst, aber auch für die Patientenversorgung.

BDI aktuell: Was genau sind denn die Folgen?

Professor Reinhard Strametz: Bis zu zwei Drittel aller Second Victims verarbeiten das Erlebte dysfunktional: Viele Betroffenen verlieren den Glauben an die eigene Kompetenz und Fähigkeit. Das kann zu Rückzug, Isolation und Depression, Flashbacks und in ausgeprägten Fällen zu posttraumatischer Belastungsstörung, Substanzgebrauch, Berufsaufgabe und schlimmstenfalls sogar Suizid der Second Victims führen. Selbst bei weniger schweren Verläufen beobachten wir häufig auch ein verändertes Arbeitsverhalten: Defensive Medizin, nicht selten auch Zynismus und reduzierte Empathie als Versuch des Selbstschutzes. Darunter leiden also nicht nur die Behandelnden, sondern auch viele nachfolgende Patienten. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen, besser noch seine Entstehung verhindert werden.

BDI aktuell: Ihre Handlungsempfehlung richtet sich an die Führungsebenen im deutschen Gesundheitswesen. Was kann hier getan werden?

Professor Reinhard Strametz: Drei Dinge sind entscheidend: Erstens eine auf Mitarbeiter- und Patientensicherheit ausgelegte Organisation. Durch die Optimierung der Arbeitsbedingungen entstehen weniger Fehler. Zweitens ein gerechter Umgang mit Fehlern: Nicht die Suche und Bestrafung der "Schuldigen", sondern die Analyse und Bekämpfung der systemischen Fehlerursachen verspricht hier nachhaltigen Erfolg und hilft übrigens auch Second Victims, beispielsweise durch wertschätzende und lösungsorientierte M&M-Konferenzen. Drittens müssen wir der individuellen und systemischen Resilienz mehr Aufmerksamkeit schenken, damit wir unvermeidliche Stresssituationen, gleich ob kurz oder lang, besser verkraften können. Das sind ausnahmslos Führungsthemen.

BDI aktuell: Haben Ärztinnen und Ärzte denn auch selbst Möglichkeiten, zu verhindern, dass sie ein Second Victim werden?

Professor Reinhard Strametz: Ja, auch hier gibt es drei Hauptansätze: Erstens die Erkenntnis, dass alle Patientensicherheitsmaßnahmen auch mich selbst schützen werden und ich daher anerkannte Maßnahmen auch anwenden sollte - lieber hundertmal zu viel als einmal zu wenig. Zweitens der kollegiale Umgang im Team: belasteten Kolleginnen und Kollegen beistehen und selbst bei Belastungen Hilfe suchen, denn wir sind auch nur Menschen. Das ist ein Zeichen großer Stärke und viel schwerer als sich einen "Panzer" zuzulegen. Und drittens die Beherzigung des Aufrufs im Genfer Ärztegelöbnis, (besser) auf die eigene Gesundheit zu achten: Denn Selbstfürsorge ist kein Zeichen von Egoismus, sondern von Professionalität und Voraussetzung für Patientenversorgung auf höchstem Niveau.

Professor Dr. med. Dipl.-Kfm. Reinhard Strametz

  • Seit 2021 hat er die Professur „Medizin für Ökonomen, insbesondere Patientensicherheit“ an der Hochschule RheinMain, Wiesbaden Business School inne
  • 2010-2013: Facharzt für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Frankfurt
  • 1999-2010: Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität in Hagen
  • 1997-2004: Studium der Humanmedizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

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