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Das Lernen aus der Pandemie wird vielschichtig sein

Die Hamburger Internistin und Infektiologin Prof. Dr. med. Marylyn Addo ist die Medizinerin des Jahres 2020. Für ihre Forschung nach einem Impfstoff gegen den SARS-CoV-2-Erreger wurde sie mit dem German Medical Award ausgezeichnet. Für den BDI co-moderiert sie den Hamburger Internist:innentag am 6. Februar zum Thema COVID-19.

Prof. Addo ist Oberärztin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und leitet dort die Sektion Infektiologie. © UKE

BDI aktuell: Die Impfstoffentwicklung ist so schnell gegangen wie noch nie zuvor. Zum Zeitpunkt dieses Interviews sind bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zwei Impfstoffe im Rahmen einer konditionellen Lizensierung zugelassen worden. Für einen weiteren Kandidaten wurde ein Bewertungsverfahren eingeleitet. Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Impfstoffkandidaten geben?

Prof. Marylyn Addo: Bei den zwei zugelassenen Impfstoffen der Firmen BioNTech/Pfizer und Moderna handelt es sich um RNA-Impfstoffe, die mithilfe einer Lipidhülle stabilisiert wurden. Beide Impfstoffe zeigten in Phase III Studien eine vergleichbare und sehr gute Wirksamkeit (über 95%), insbesondere auch bei der hochgefährdeten älteren Bevölkerung. Auch die Nebenwirkungen sind vergleichbar und beinhalten bekannte Impfreaktionen wie lokale Reaktogenität (u.a. Schmerzen an der Impfstelle) und systemische Symptome wie Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen. Beide Impfschemata enthalten eine Auffrischimpfung; im Falle des BioNTech/Pfizer Impfstoffes nach 21 Tagen, im Falle des Moderna Impfstoffes nach 28 Tagen. Der Impfstoff der Firma AstraZeneca, der in Kooperation mit der Universität Oxford entwickelt wurde, ist ein sogenannter Vektorimpfstoff, der ein für den Menschen ungefährliches Virus als sogenannten Vektor nutzt (in diesem Fall ist es ein Schimpansen-Adenovirus), um die Erbinformation des Spike Protein von SARS-CoV-2 zu stabilisieren und so zu verimpfen. Dieser Impfstoff befindet sich aktuell noch im Begutachtungsprozess der EMA. Auch für dieses Impfregime ist eine Auffrischimpfung vorgesehen

BDI aktuell: Erstmalig kommen mRNA-Impfstoffe zum Einsatz. Gehen Sie davon aus, dass diese Impfstoffe mit besonderen Nebenwirkungen einhergehen?

Prof. Marylyn Addo: Die mRNA Impfstoffe stellen eine Impfstoffplattform dar, die schon seit Jahrzehnten beforscht wird, nun allerdings zum ersten Mal auch lizensiert wurde. Es zeigen sich ähnliche Impfreaktionen wie nach bekannten Impfstoffen (lokale Schmerzen und Rötungen, Müdigkeit etc.), die transient sind und kurzzeitig auftreten. Nach der Auffrischimpfung scheinen sie stärker ausgeprägt zu sein und Impflinge sollten auf die mögliche Einschränkung des allgemeinen Befindens insbesondere am Tag nach der Impfung hingewiesen werden. Die Häufigkeit nach einer Impfung eine anaphylaktische Reaktion zu erleiden, ist gering und wird gegenwärtig auf circa 1:100000 geschätzt. Entgegen gängiger Behauptungen können RNA-Impfstoffe das menschliche Erbgut nicht verändern. Ebenso existieren keine Daten, die auf eine Kanzerogenität des Impfstoffes oder für die Induktion einer Infertilität hinweisen würden.

BDI aktuell: Gehen Sie davon aus, dass geimpfte Personen das SARS-CoV2 Virus nicht mehr übertragen können?

Prof. Marylyn Addo: Das wissen wir aktuell noch nicht, erwarten aber zeitnah die Ergebnisse aus den weiter laufenden Phase III Studien, u.a. von Pfizer/BioNTech, Moderna und AstraZeneca/Oxford. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich, aber noch nicht bewiesen, dass geimpfte Personen im Falle einer SARS-CoV-2 Infektion zumindest weniger bzw. für einen kürzeren Zeitraum ansteckend sein werden. In Tiermodellen konnte nach experimenteller Infektion nach Impfung mit unterschiedlichen Impfstoffen oft noch Virusmaterial in den oberen Atemwegen nachgewiesen werden, allerdings in sehr geringer Menge. Ob sich diese Beobachtungen jedoch auch im Menschen machen lassen und inwiefern diese dann noch infektiös sind, ist noch unklar.

BDI aktuell: Das Coronavirus hat die Bedeutung der Infektionsmedizin nochmals ganz deutlich unterstrichen. Was meinen Sie sollte die Ärzteschaft, bzw. unser Gesundheitswesen, aus der Coronapandemie lernen?

Prof. Marylyn Addo: Das Lernen aus dieser Pandemie wird sicherlich vielschichtig sein und sein müssen, auch um uns für zukünftige Pandemien besser zu rüsten. Es wurde ja schon erkannt, dass das öffentliche Gesundheitssystem deutlich mehr Unterstützung und Ressourcen im Kampf gegen ein solches Infektionsgeschehen benötigt. Als Infektiologin hoffe ich, dass sich aus dieser Situation neue Impulse ergeben, die Einführung des Facharztes für Innere Medizin und Infektiologie konkret voranzubringen.

BDI aktuell: Eine letzte Frage: Ab wann glauben Sie, können wir wieder leben wie früher?

Prof. Marylyn Addo: Eine schwierige Frage. Noch gibt es zu viele Ungewissheiten und Fragen, um die weitere Entwicklung der Pandemie valide einschätzen zu können. Wie werden sich die Infektionszahlen kurzfristig entwickeln? Werden die zugelassenen Impfstoffe nicht nur vor der Erkrankung, sondern auch vor der Infektion schützen und so die Transmission reduzieren? Wie lange wird die Schutzwirkung anhalten? Werden wir hochwirksame antivirale Medikamente zur Therapie von COVID-19 entwickeln können?

Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir uns um diese Zeit im nächsten Jahr schon deutlich auf dem Weg in unsere „neue Normalität“ befinden oder dort vielleicht schon sind. Wir werden aber mit Sicherheit – aufbauend auf den Erfahrungen mit Covid-19 – ein neues Bewusstsein entwickelt haben für die Notwendigkeit, sich frühzeitig aufkommende Pandemien vorzubereiten.


„COVID-19 interdisziplinär“

4. Hamburger Internist:innentag 6. Februar 2021 (9:00-12:00 Uhr)

Gemeinsam mit Prof. Dr. med. Tobias B. Huber (UKE), wissenschaftlicher Leiter, moderiert Prof. Addo den Hamburger Internist:innentag.

Die Fortbildung ist kostenfrei und als Hybrid-Veranstaltung auch als Livestream verfügbar.
Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung

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