15.07.2010

Therapie gegen drohenden Ärztemangel beginnt

52 000 Ärzte stehen vor dem Ruhestand - der wachsende Medizinermangel in vielen Regionen bringt sozialen Sprengstoff. Denn vor allem Älteren droht eine schlechtere Versorgung. Jetzt sollen Reformen gegen Ärztemangel anlaufen, doch Streit ist programmiert.

Alle Suche nach einem Doktor war vergebens. «Nicht eine einzige Bewerbung haben wir bekommen», klagt der Allgemeinmediziner in Niederbayern. Seit Monaten sucht er erfolglos einen Kollegen für seine Gemeinschaftspraxis. Schon heute fehlen vielerorts Ärzte. In den kommenden Jahren drohen immer größere Lücken. An diesem Donnerstag gibt es den Auftakt für eine Serie geplanter Reformen gegen Medizinermangel.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, warnt vor einem «gravierenden Ärztemangel insbesondere in strukturschwachen Gebieten». Abwanderung lasse vor allem im Osten die Bevölkerung schrumpfen. «Zurück blieben ältere und häufig an mehreren Erkrankungen leidende Menschen.» Gebraucht würden deshalb mehr Hausärzte, Augenärzte, Orthopäden. Mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin befasst sich jetzt das oberste Gremium des Gesundheitswesens mit dem Problem: Ärzten, Krankenkassen und Kliniken wollen entscheiden, wie steigender Bedarf von Älteren besser eingeplant werden kann.

Schon heute könnten deutlich über 3000 Praxisärzte laut KBV bundesweit aus dem Stand heraus zugelassen werden. Auch Kliniken suchen händeringend Ärzte. Bis 2020 gehen laut KBV rund 24 000 Haus- und 28 000 Fachärzte der heute insgesamt 120 000 Vertragsärzte in Pension. 20 000 Chef- und Oberärzte stehen in den Krankenhäusern vor der Rente. Von den derzeit 76 000 Medizinstudenten wechseln aber nicht einmal drei Viertel zum Dienst am Patienten.

«Das Problem muss rasch angegangen werden», sagte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) jüngst. «Das tue ich.» Jetzt schickte sein Ressort an die Koalitionsfraktionen die Ankündigung, dass es «neben der Weiterentwicklung der Bedarfsplanung auch Anreize bei Vergütung und Ausbildung» geben solle. Im Gesundheitswesen steht damit aber auch neuer Zoff an. Unterm Strich herrscht nämlich gar kein bundesweiter Mangel.

In den gutgestellten Vierteln der Städte gibt es immer noch eine Ärzteschwemme - die verbliebenen Ärzte in Problem-Stadtteilen und Landgemeinden in Ost und West werden durch ihren Einsatz allmählich zu sozialen Helden. Ärzte lassen sich einer Studie der Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse zufolge am liebsten in der Umgebung von kaufkräftigen Patienten nieder. Laut Krankenkassenverband sind in den reichlich mit Praxen bestückten Gebieten insgesamt 25 000 Ärzte mehr zugelassen als benötigt. Dies koste fünf Milliarden Euro.

Doch Umverteilung ist schwer durchzusetzen. So fordert die KBV kleinräumigere Planungen: Heute gibt es unter den 395 für Praxisärzte gültigen Bezirken viele, die auf dem Papier genügend Ärzte insgesamt haben, obwohl Kranke von einzelnen Orten aus kilometerweit zur nächsten Praxis müssen. Die Kassen dringen darauf, dass Ärzte nicht generell feinmaschiger in Deutschland verteilt werden, sondern nur da, wo es wirklich nötig ist.

Angesichts der Schwierigkeiten will Rösler den Problemregionen auf verschiedenen Wegen helfen. Eine leichtere Anstellung von Ärzten spielt ebenso eine Rolle wie die Versorgungszentren mit mehreren Medizinern unter einem Dach. Der Blick geht zudem zu den begehrten Medizinstudenten. Statt nur die Jahrgangsbesten zuzulassen, will Rösler soziales Engagement oder Erfahrung in der Pflege stärker berücksichtigen.

In vielen Ländern verlässt man sich nicht auf solche Ansagen, sondern setzt bereits heute Geldanreize. So gibt Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan 288 000 Euro für Studenten, die ihre Ausbildung bei einem Hausarzt absolvieren. Die Länder- Gesundheitsminister dringen darauf, Jungmediziner generell aufs Land zu locken. Ob sich genügend von ihnen überzeugen lassen, ist jedoch völlig ungewiss.

dpa