08.08.2011

Vorurteile und schlechtes Image: Altenpflege braucht Nachwuchs

 

Schlechte Bezahlung, eintönige und körperlich schwere Arbeit - das Bild vieler junger Menschen von der Altenpflege ist nicht besonders positiv. Die Branche wehrt sich gegen ihr Image und wirbt um den Nachwuchs. Experten warnen vor einem dramatischen Fachkräftemangel.

Behutsam kämmt Hannah von Ahlen Gerda Pöhlmann die Haare. Die junge Frau streichelt der 89-Jährigen über die Wange und lächelt sie an. Die beiden Frauen trennen 68 Lebensjahre - aber trotzdem verbindet sie ein enges und vertrautes Verhältnis. Sie lachen zusammen, scherzen und unterhalten sich. Hannah von Ahlen ist Altenpflege-Auszubildende. Die 21-Jährige hat sich den Beruf ganz bewusst ausgesucht, die Arbeit macht ihr Spaß. „Man kann sehr viel lernen von der Lebenserfahrung der alten Menschen", sagt sie.

Ihr Traumjob war die Altenpflege früher nie. „Ich habe mich überhaupt nicht mit dem Beruf auseinandergesetzt, man hat ein ganz anderes Bild. Man denkt, alte Menschen sind langweilig, so diese typischen Sachen", erzählt sie. Über zwei Freundinnen fand die junge Frau dann zur Altenpflege und hat es bis heute nicht bereut. „Es ist ein sehr vielfältiger Beruf und es steckt viel dahinter."

Altenpfleger werden händeringend gesucht, es herrscht schon jetzt ein Fachkräftemangel. Und der könnte in den kommenden Jahren noch dramatischer werden, warnen Experten. „Wir befinden uns momentan auf dem direkten Weg in den Pflegenotstand", sagt der Regionaldirektor der Arbeitsagentur Nord, Jürgen Goecke. Bis 2020 brauche der Norden rund 11.000 zusätzliche Pflegekräfte, davon 4.000 examinierte. Goecke sieht deshalb Reformbedarf in der Ausbildung und fordert ein neues Finanzierungsmodell, mehr Schulplätze und eine größere Flexibilität.

Der kommunale Pflegeverband Schleswig-Holstein vermutet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2025 auf fast 114.000 steigen wird. „Die Lage ist ernst", sagt der stellvertretende Vorsitzende Holger Rohde. „Die Altenpflege ist ein schwerer Job, der nicht gerade toll vergütet wird." Schon allein deshalb sei es schwer, genügend Auszubildende zu finden. „Wir stehen da in Konkurrenz zu anderen Berufen, die möglicherweise attraktiver sind", betont Rohde.

„Natürlich ist es schwierig, qualifizierten Nachwuchs zu finden", sagt auch Praxisanleiterin Britta Petersdotter, die Hannah von Ahlen und andere Azubis während ihrer Ausbildung begleitet. Ein großes Problem ist ihrer Meinung nach das schlechte Image des Berufs. „Es ist nicht so bekannt, wie spannend der Beruf ist und wie viel Spaß er macht", sagt sie. Agenturchef Jürgen Goecke verlangt deshalb von den Betrieben, stärker für das Berufsbild zu werben. „Die Altenpflege hat generell keine breite Akzeptanz bei Jugendlichen", sagt er. „Es gibt eben Berufe, die sind hipper."

Mit diesen Vorurteilen will die AWO Schleswig-Holstein aufräumen.
„Das Bild der Altenpflege ist vor allem durch mangelndes Wissen und Angst vor dem Altern geprägt", sagt Geschäftsführer Michael Selck.
Die AWO beklagt die fehlende Anerkennung der Pflege. „Wir brauchen mehr Wertschätzung und Offenheit", so Selck. „Wenn der Beruf von der Gesellschaft besser anerkannt wäre, würden vielleicht auch mehr Leute in die Altenpflege gehen", glaubt Azubi von Ahlen.

Für Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) ist die Sicherung des Fachkräftebedarfs eine zentrale Herausforderung. In Zukunft gebe es mehr Bedarf an Pflegekräften und weniger junge Menschen, so Garg. „Da diese jungen Menschen zukünftig in vielen Branchen heiß umworben sein werden, kommt es für die Sicherstellung angemessener Pflege entscheidend darauf an, Pflegeberufe attraktiv und damit auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu gestalten", sagte er. Dafür müssten die Arbeitgeber für gute Arbeitsbedingungen sorgen und alle Beteiligten sich gemeinsam um Fachkräfte bemühen. Aufgabe der Politik sei es, für bessere Rahmenbedingungen und berufliche Entwicklungschancen zu sorgen.

Für Hannah von Ahlen ist die Altenpflege ein spannender und abwechslungsreicher Beruf. Blutdruck messen, die Menschen versorgen, mit ihnen Zeit verbringen und dabei immer ein offenes Ohr haben - ihre Aufgaben sind vielfältig. „Man wächst mit dem Beruf und man lernt viel über sich selbst", sagt sie. Gemeinsam mit Gerda Pöhlmann löst sie Kreuzworträtsel, eine der Lieblingsbeschäftigungen der alten Dame. „Man kann mit Menschen arbeiten und erlebt jeden Tag etwas anderes - was will man mehr?", sagt die junge Frau.

dpa