07.12.2011

Trend zur Klinik-Privatisierung wird weiter gehen

 

Private Klinikbetreiber klopfen bei den kommunalen Krankenhäusern an, wenn aus roten Zahlen tiefrote werden.

Wenn private Klinkbetreiber öffentliche Krankenhäuser übernehmen, regt sich meist Widerstand. „Bund, Länder und Gemeinden ziehen sich aus der Verantwortung für die Krankenhausversorgung zurück und legen sie in die Hände von renditeorientierten Unternehmen", kritisiert die Gewerkschaft Ver.di. „Europaweit gibt es kein Land, in dem mehr und schneller öffentliche Krankenhäuser verkauft werden als in Deutschland."

Fragt man die Patienten, sind sie aber gar nicht unzufrieden mit den privaten Kliniken, wie die Deutsche Gesellschaft für Qualität in einer repräsentativen Studie 2011 herausfand. 37% der Befragten fanden die ärztliche und pflegerische Versorgung in privaten Krankenhäusern besser, nur 16% gaben den Öffentlichen den Vorzug. Dennoch befürworteten nur 13% Klinik-Privatisierungen, 40% waren dagegen.

Der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Rainer Greunke, geht davon aus, dass der Anteil der privaten Klinikbetreiber in Hessen in den nächsten Jahren weiter steigt. Als nächster Übernahme-Kandidat gelten die Wiesbadener Dr. Horst-Schmidt-Kliniken. Die Stadt will 49% an einen Investor verkaufen, ein halbes Dutzend Bieter würde gern einsteigen. Derzeit hat die Klinik Schulden von rund 60 Millionen Euro.

Dem Klinikum Offenbach bleibt nach Einschätzung der Stadt weniger als ein halbes Jahr, um das kommunale Krankenhaus zu retten. Inzwischen hat sich ein Gesamtdefizit von 220 Millionen Euro aufgestaut. 2011 musste die klamme Stadt 30 Millionen Euro zuschießen, um das Krankenhaus vor der Insolvenz zu retten. Im Oktober wurde eine „Rosskur" verkündet: Stellen streichen, Investitionen stoppen, Stationen schließen, Gehälter kürzen.

„Im Moment scheint es so zu sein, dass es gerade den großen kommunalen Krankenhäusern am schlechtesten geht", sagt Rainer Greunke. Mögliche Gründe: Im Rhein-Main-Gebiet gibt es viele große Kliniken. Die meisten haben alte Gebäude und Ausstattungen, die den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen. Vielleicht redet die Politik auch manchmal zu viel rein. Auf jeden Fall haben die Kommunen zu wenig Geld für die notwendigen Investitionen - die privaten Träger können hingegen einfach einen Kredit aufnehmen und zu bauen anfangen. Trotz der Zinslasten gelingt es den Privaten regelmäßig nach wenigen Jahren, die Kliniken mit Gewinn zu betreiben.

Auf 14 Milliarden Euro schätzt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) inzwischen den bundesweiten Investitionsstau an den Krankenhäusern. Bis zum Jahr 2020 würden ohne Gegenmaßnahmen voraussichtlich etwa zehn% von derzeit rund 2000 deutschen Kliniken ihre Pforten schließen. Besonders schwierig wird es für kleine Häuser in kommunaler Trägerschaft, die sich auch mit Klinikverbünden immer noch schwer tun. Die privaten Klinikkonzerne jubeln bereits über eine deutliche Belebung auf dem privaten Krankenhausmarkt.

Der Platzhirsch in Hessen, das fränkische Rhön-Klinikum mit Gießen-Marburg als einziger privat betriebener Uni-Klinik in Deutschland, sitzt nach einer Kapitalerhöhung um 460 Millionen Euro auf einer prall gefüllten Kriegskasse. Hauptkonkurrent Helios hat sich in diesem Jahr die dicken Fische Damp-Gruppe in Schleswig-Holstein und eine Mehrheitsbeteiligung am Katholischen Klinikum in Duisburg geschnappt, ist aber längst noch nicht satt. Es bestehe unverändert Interesse an der Übernahme von Häusern, die zur Gruppe passten und dauerhaft entwickelt werden könnten, sagt eine Helios-Sprecherin.

Das Tochterunternehmen des solventen DAX-Konzerns Fresenius in Bad Homburg ist nach dpa-Informationen immer noch im Bieterkreis für die Neubau-Projekte des maroden Uni-Klinikums Lübeck-Kiel, das aber nicht mehr komplett privatisiert werden soll. Weitere wichtige Marktakteure sind Asklepios, Sana und jüngst die schweizerische Ameos-Gruppe, die im noch nicht entscheidenene Poker um die Salzlandkliniken in Sachsen-Anhalt die Nase vorn hatte.

dpa