Sozialbericht 2011: Bildung und Geld machen gesund
Arm, aber sexy. Der Spruch von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit mag für Berlin gelten, für die Gesundheit der Deutschen ist er fehl am Platz. Wer unzureichend gebildet, dazu noch ein geringes Einkommen hat, ist oft krank. Und es gelingt immer weniger armen Menschen, wieder aus ihrer Notlage zu kommen. Das belegt der neue „Datenreport 2011 - Sozialbericht für Deutschland", der in Berlin vorgestellt wurde. Herausgeber sind das Statistische Bundesamt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Er erscheint seit 1985 alle zwei Jahre. Das Verständnis von Gesundheit als positive Ressource für Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit stellt insofern einen wichtigen Motor für den steigenden gesundheitsbezogenen Ressourcenverbrauch dar.
Armut wächst
15,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland galten 2008 als „armutsgefährdet". Im Jahr zuvor waren es noch 15,2 Prozent. Ein Drittel der Bedürftigen gilt dabei als dauerhaft arm. Das Risiko, der einmal erreichten Armut nicht mehr entrinnen zu können, ist laut Bericht seit den 80er Jahren kontinuierlich gestiegen. „Einmal arm, bleibt öfter arm", sagt Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Armutsgefährdet sind jene, die 929 Euro im Monat zur Verfügung haben. Die Armutsgefährdung zeigt sich vor allem beim Wohnen. Jeder dritte Armutsgefährdete sieht sich nach eigener Einschätzung durch die Wohnkosten finanziell schwer belastet. 16 Prozent von ihnen können ihre eigenen vier Wände nicht angemessen warm halten, bei dem Anteil der nicht armutsgefährdeten Bevölkerung traf dies lediglich bei vier Prozent zu.
Gesundheitliche Ungleichheit
Wer arm ist, stirbt auch früher. Die Lebenserwartung von Männern der niedrigen Einkommensgruppen liegt nach Ansicht der Wissenschaftler fast elf Jahre unter der von Gutverdienern. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre. Ursachen dafür sind Alkohol- und Tabakkonsum, aber auch Übergewicht - und Bildung. Sie ist nach Auffassung der Autoren die zentrale Ressource für die Gesundheit. Niedrige Bildungsgruppen leiden überdurchschnittlich häufig, über einen Zeitraum von vier Wochen unter starken Schmerzen. Männer mit wenig Bildung haben demnach ein 2,2-mal höheres Risiko als Geschlechtsgenossen der hohen Bildungsgruppe. Bei Frauen ist das Risiko 2,6-mal so groß. Auch die Lebenserwartung ist höher mit steigender Bildung. Männer im Alter von 45 Jahren mit Abitur oder Fachhochschulreife leben im Durchschnitt 5,3 Jahre länger, als gleichaltrige Männer mit Haupt- oder gar keinem Schulabschluss. Die Forscher sprechen in ihrer Untersuchung von einer „gesundheitlichen Ungleichheit". Ob Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes oder Depression: Viele Erkrankungen treten vom 45. Lebensjahr an „in der Armutsrisikogruppe vermehr auf", so die Studie.
Armut macht krank
Der Sozialreport 2011 beurteilt auch die finanzielle Absicherung im Krankheitsfalle. Da Leistungen aus dem Katalog der GKV genommen wurden und die finanzielle Selbstbeteiligung ausgeweitet wurde, gehen die Verfasser davon aus, dass eine gute Gesundheitsversorgung verstärkt von den eigenen Einkommensmöglichkeiten bestimmt werde. Während im Jahr 2002 noch die Hälfte aller Personen angab, bei Krankheit gut abgesichert zu sein, reduzierte sich der Anteil im Jahre 2007 auf 41 Prozent. Die Autoren haben die Gesundheitsausgaben in Deutschland auch international verglichen. Ergebnis: Die Kosten in Relation zum Bruttoinlandsprodukt sind in Deutschland nach den USA, der Schweiz und Frankreich am höchsten. Doch die Vorteile werden auch genannt. Die Wissenschaftler loben „die im internationalen Vergleich bisher breite Abdeckung gesundheitlicher Risiken durch das deutsche Krankenversicherungssystem". Dass daran auch künftig festgehalten wird, daran zweifeln die Autoren aufgrund des „nachhaltigen Umbaus des Gesundheitssystems" und der damit verbundenen finanziellen Belastung für die Versicherten bzw. der Patienten.
Migration trifft
Hart trifft es auch Menschen mit Migrationshintergrund nach dem Bericht. In der Prävention und medizinischen und pflegerischen Versorgung stellt sich ihre Situation „ungünstiger" dar. Sie suchen häufiger Rettungsstellen als Hausärzte auf, greifen weniger auf ambulante Pflegedienste zurück und nehmen seltener Rehabilitationsmaßnahmen in Anspruch. Die Folge: eine höhere Frühberentungsquote.
Während die deutsche Bevölkerung vor allem an Herz-Kreislauferkrankungen verstirbt, gehen die Sterbefälle bei Migranten besonders auf Krebserkrankungen zurück. Der Bericht gebe den Zustand der Republik wieder, so Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Besondere an dem Report ist nach Aussage von Allmendinger, dass objektive und subjektive Faktoren wissenschaftlich bewertet wurden. Erstmals werde der Zusammenhang von Gesundheit und sozialer Ungleichheit dargestellt. Der Bericht steht auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes - www.destatis.de - und des Wissenschaftszentrums Berlin - www. wzb.eu - als Download oder kann für sieben Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung - www.bpb.de/publikationen - als Buch bestellt werden.
dgd


