21.04.2011

Morbi-RSA: Weniger ist mehr

 

Der Morbi-RSA hat kein gutes Image. Laut Koalitionsvertrag sollte das Instrument zu einer gerechteren Lastenverteilung zwischen den sogenannten Versorgerkassen und der Konkurrenz der „Edel"-Kassen, meist aus dem Bereich der kleinen Ersatz- und und Betriebskrankenkassen, führen. Doch in der Realität hat sich das Instrument, gedacht zur Vereinfachung und als Bollwerk gegen Manipulation und Bürokratie, ins Gegenteil verkehrt. So reizt die Bevorzugung kostengünstiger Volkskrankheiten dazu, die Diagnosen zu optimieren und verzerrt die Einnahmenseite. Hier will eine Gesetzesinitiative des IKK e.V. gegensteuern.

Alles Morbi

„Weniger, statt mehr!", so lautet der Wunsch des IKK-Bundesverbandes an die Gesundheitspolitik in Sachen Morbi-RSA. Aktuell sind 80 zuschlagsfähige Krankheiten im Katalog aufgeführt. Das Gegenteil ist vor allem auf Druck der großen Krankenkassen wie BARMER-GEK oder DAK angedacht, eine Ausdehnung auf bis zu 350 Erkrankungsbilder, verbunden mit dem Ziel ein hohes Umverteilungsvolumen zu generieren, um damit in letzter Konsequenz eine Einnahmenmaximierung zu erreichen. Dazu braucht es logischerweise einen hochkomplexen Verwaltungsapparat. Bei der IKK weist man daraufhin, dass die Hausarztverträge der AOK in Baden- Württemberg nicht zuletzt mittels Up- und Right-Coding die Brücke für eine Optimierung der Chronikerversorgung bauen. Jede „richtige" Diagnose löst Zuschläge aus. Die vom Bundesversicherungsamt angestellten Plausibilitätsprüfungen sind hier aus Sicht des IKK-Verbandes mangels Scharfstellung kaum zu fürchten. Es soll sogar EDV-Programme geben, die sich prozentgenau an die Auffälligkeitsgrenzen heranpirschen. Selbst wenn dazu keine konkreten Zahlen vorliegen - Transparenz und Bürokratieabbau schaut anders aus. Dass es trotz aller Marktvorteile auch die Großen in diesem Roulette böse erwischen kann, zeigt die prekäre Situation der AOK Bayern. Dort sieht sich die größte Krankenkasse im südlichsten Bundesland mit einer hohen Rückforderung des Bundesversicherungsamtes konfrontiert, nachdem die Bevölkerung im Freistaat trotz ungesunder Ernährungsweise offenbar gesünder ist als vorausberechnet.

Prävention uninteressant

Investitionen der einzelnen Kassen im Wettbewerb um Gesunde bzw. zur Förderung primärpräventiver Maßnahmen werden durch die aktuelle Ausgestaltung konterkariert, ja bestraft. Zynisch gesprochen wäre ein kollektiver Oktoberfestbesuch für alle potentiellen Diabetes-Patienten der AOK dringend anzuraten, um die Finanzierung wieder ins Lot zu bringen. Dass diese Überlegungen in ihrer Absurdität überspitzt nicht zu einem sparsamen Umgang mit Versichertengeldern führen, sollte selbst hartgesottene Kontroll- und Steuerungsfreaks in Politiker- kreisen der konservativ-liberalen Koalition zu denken geben, so der Appell der IKKSpitze, der Hydra keine zusätzlichen Wasserköpfe aufzusetzen. Mit einem Fünf- Punkte-Programm soll der Morbi-RSA auf seinen Kern zurückgeführt werden.

Manipulation lukrativ

In einer eigens anberaumten Pressekonferenz stellt IKK-Geschäftsführer Rolf Stuppardt die wesentlichen Änderungswünsche vor. Zunächst sollen die Anreize zur Risikoselektion reduziert werden, „um die Jagd nach gesunden Versicherten nicht als überlegene Wettbewerbsstrategien zu etablieren". Dazu müssten allerdings Manipulationsmöglichkeiten eingeschränkt werden. Die Maximierung und Optimierung der dokumentierten Diagnosestrategie darf nicht zum lohnenswerten Kriterium der Gesundheitsfürsorge reüssieren. Die Zuweisungssystematik sollte künftig Anreize zu primärpräventiven Maßnahmen setzen. Das IKK-Papier erkennt durchaus Zielkonflikte an und bekennt sich im Gegensatz zur Techniker Krankenkasse, wie Stuppardt hinweist, ausdrücklich zum Grundprinzip des RSA. Allerdings soll ein Rückschnitt erfolgen und weitere Wucherungen unterbunden werden. So würde die Ausweitung des MorbiRSA auf alle Krankheiten zwar den Drang zur Risikoselektion im Bereich der Gesunden weiter minimieren, andererseits die Anstrengungen zur Verfeinerung der Diagnosedokumentation erhöhen. Die Begrenzung Risikoselektion darf aus IKK-Sicht nicht auf Kosten der anderen vier Kriterien erfolgen. „Da stehen alle IKK´s zu einhundert Prozent dahinter!", so Stuppardts Aussage.

Volkskrankheiten bevorzugt

Der Matrix auf der sich alle Berechnungen abbilden, liegt die Überlegung zugrunde, dass gerade Volkskrankheiten leichter Art für die Krankenkassen in den meisten Fällen relativ kostengünstig zu behandeln sind. Als Beispiel werden Asthmaerkrankungen angeführt, die bei richtiger Diagnose die Kasse mit einem Zuschlag von 872 Euro klingeln lassen, obwohl oft nicht einmal eine medikamentöse Therapie erforderlich/nutzbringend ist, sondern die Veränderung des persönlichen Lebensstils bereits als Therapie ausreicht (Stichwort: Raucherentwöhnung). Nur die seltenen, teuren Fälle lassen die Durchschnittskosten tatsächlich und damit zuschlagsberechtigt ansteigen. Die Zuschläge errechnen sich aber bisher aus Durchschnittswerten. Somit können sich Krankenkassen finanzielle Vorteile verschaffen, wenn sie eine hohe Prävalenz bei präventiv behandelbaren Krankheiten aufweisen. Die GKV-Ausgabenentwicklung in diesem Bereich stützt diese These. Im Zeitraum ab 2000 stiegen die Präventionsausgaben jährlich im zweistelligen Bereich auf 340 Millionen bis 2008 an. Mit Einführung des Morbi-RSA verloren die Krankenkassen mangels Anreiz das wirtschaftliche Interesse daran. Allein 2009 wurden die Beträge um neun Prozent zurückgefahren. 2010 betrugen die Gesamtausgaben nur noch knapp 300 Millionen. Hier sollten die eingesparten Mittel künftig wieder sinnvoll eingesetzt werden, hofft die IKK.

dgd