Klinik holt Facharzt-Nachwuchs aus dem Ausland - Notwendiges Übel?
Auf dem Land fehlen Fachärzte. Ein Krankenhaus aus Unterfranken will die Lücken mit ausländischen Fachkräften stopfen. In der Branche stößt das Projekt auf Skepsis.
Deutsche Mediziner zieht es ins Ausland, weil die Arbeitsbedingungen oft besser sind und sie mehr Geld bekommen. Deshalb ist hierzulande der Nachwuchs knapp. Um die entstandenen Lücken zu stopfen, dreht eine Klinik aus Unterfranken jetzt den Spieß um und holt sich Akademiker aus anderen Ländern ins Haus. Zunächst als Hospitanten, denn bevor die Mediziner Dienst am Patienten tun, müssen sie die deutsche Sprache lernen. Ein halbes Jahr lang büffeln die Ärzte daher in Bayern und leben auf Kosten der Klinik - dafür gibt es zunächst nur ein Taschengeld. Für die Landesärztekammer ist das Ausbeutung von qualifizierten Akademikern. Für die Rhön-Klinikum AG aus Bad Neustadt an der Saale ist es ein notwendiges Programm, um den Mangel auszugleichen.
Der Ärztliche Direktor der Neurologischen Klinik, Bernd Griewing, stellte das neue Scholarship-Programm am Donnerstag vor. Zu Beginn des Jahres hatte das Unternehmen das Stipendium zum ersten Mal angeboten. Zehn junge Mediziner aus Estland, Kolumbien, Libyen, Peru, der Republik Moldau und Rumänien kamen dafür in den Landkreis Rhön-Grabfeld. Sie wurden bei Behördengängen unterstützt. Ohne dieses Angebot könnten die Mediziner in Deutschland nur schwer Fuß fassen, sagt Griewing.
Trotz des internationalen Austausches sieht der Hartmannbund - ein freier Berufsverband für Ärzte - Modelle wie dieses kritisch: «Indem wir die Fachärzte aus den Schwellenländern nach Deutschland holen, verschärft sich dort der Mangel. Das ist eine parasitäre Personalpolitik zulasten ärmerer Länder», kritisiert Philipp Ascher, der stellvertretende bayerische Landesvorsitzende harsch.
Trotz allen Verständnisses für diese Eigeninitiative könne eine saubere Lösung nur von der Politik geschaffen werden. «Das Ziel muss eine ausgeglichene Wanderungsbilanz sein. Wenn zwei Ärzte nach England gehen, sollten von dort auch zwei wieder nach Deutschland kommen», findet Ascher. Die Grundlagen dafür zu schaffen, sei kurzfristig möglich. Dafür müssten die Gehaltsniveaus angepasst und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. «Wir haben ja genügend Medizinstudenten, viele von ihnen zieht es jedoch ins Ausland, weil sie dort besser bezahlt werden.»
Das Geld ist auch für die Bayerische Landesärztekammer ein Grund, skeptisch auf das Angebot des Rhön-Klinikums zu blicken: «Ein Stipendium für ausländische Ärzte ist eine Option gegen den Fachärztemangel, aber sicher nicht beste», meint die Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer, Heidemarie Lux. Sie sieht es kritisch, wenn qualifizierte Ärzte aus dem Ausland für ihre Arbeit nur «Almosen» erhielten.
Pro Programm-Teilnehmer investiert das Krankenhaus-Unternehmen nach eigenen Angaben etwa 1500 Euro im Monat, im Anschluss daran bietet es den eingewanderten Ärzten die Ausbildung zum Facharzt zu den üblichen Bedingungen an. Dem Tarifrechner der Ärztegewerkschaft Marburger Bund zufolge verdienen Mediziner ohne abgeschlossene Facharzt-Weiterbildung etwa 3800 Euro im Monat.
Der Ärztliche Direktor Griewing steht trotz aller Kritik zu dem Projekt. Es sei wichtig für die Klinik. 15 Prozent der in Bad Neustadt eingestellten Assistenzärzte seien Ausländer. «Ohne die ausländischen Ärzte hätten wir ein absolutes Problem, die offenen Stellen zu besetzen».
Das bestätigt auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG): «Mehr als 600 Stellen für die ärztliche Fachausbildung sind im vergangenen Jahr an den bayerischen Kliniken unbesetzt geblieben», erklärt BKG-Geschäftsführer Siegfried Hasenbein. Der BKG zufolge ist die Lücke in den Kliniken deutlich größer als bei den niedergelassenen Ärzten. Hasenbein plädiert deshalb für mehr Initiativen wie die des Rhön-Klinikums. «Das hilft auch im niedergelassenen Bereich, wenn sich diese Fachärzte aus den Kliniken später mit einer eigenen Praxis selbstständig machen.»
dpa


