Hauskrach bei den Hausärzten (von Hans Edmund Glatzl)
Droht dem Bayerischen Hausärzteverband die Spaltung? Seit Monaten wartet die Basis auf eine Fortsetzung der für manche Praxis überlebenswichtigen AOKHausarztverträge. Für zusätzliche Unruhe sorgt im Vorfeld der Mitgliederversammlung in Bad Gögging das unerwartete Sperrfeuer, das dem Verband nach jahrelanger Unterstützung von der Bürgerinitiative „Bürger-Schulterschluss" entgegenschlägt. Alles deutet hin auf einen massiven Hauskrach, ein Kampf zwischen Kompromisslern und den Anhängern der reinen Lehre einer völligen Freiheit vom System.
Kooperation versus Konfrontation
Der Keim des Zwiespalts liegt im Wahlerfolg, den die bayerischen Hausärzte in der KV Bayerns einfahren, unmittelbar nach der herben Niederlage beim selbstgewählten Nürnberger Showdown. Die Nachfolger-Truppe mit Dr. Petra Reis-Berkowicz und Dr. Wolfgang Krombholz hatte nach der Übernahme der Schalthebel im „Reich des Bösen", der vormals verhassten KVB, nicht - wie von manchem Hardliner der Hausärzte erwartet - dort die Lunte zur Sprengung angezündet, sondern behutsam und durchaus geschickt im Schulterschluss mit den ebenfalls neu formierten Fachärzten den Marsch durch die Institution begonnen, innerhalb des bisherigen GKV-Systems den Kollegen das Überleben zu sichern. Auch beim Hausärzteverband auf Bundesebene stellt man sich nach dem Bayern-GAU pragmatisch auf die Situation nach dem Wegfall des AOK-Vertrages ein, mit einem professionalisierten Geschäftsmodell und neuen Strukturen. So beschloss die Bundesversammlung im zeitigen Frühjahr die Umwandlung der bisherigen Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft. Dies wurde offenbar zu wenig kommuniziert. Zumindest wollten/konnten nicht alle Basisärzte dieser Wendung so schnell folgen.
Kapitulation oder Waffenstillstand
Gerade an der bayerischen Front spielt der ehemalige und aus Sicht der Hausärzte wortbrüchige Vertragspartner, die AOK, auf Zeit und verweigert bis dato die Fortführung. Die Reaktion des BHÄV-Vorstandes darauf, ist aus Sicht der „Falken" zu verhalten. Die aktuelle Hängepartie wird zwar beklagt, aber die neue Verbandsspitze vermeidet es hartnäckig, erneut die Konfrontation zu suchen oder gar mit Behandlungsstreik zu drohen. Nachdem auch der von Dr. Wolfgang Hoppenthaller noch persönlich installierte Nachfolger im Amt Dr. Dieter Geis keinerlei Anstalten macht die AOK frontal anzugehen und eher auf die Politik als Vermittler setzt, scheint der Hausärztetag im Herzen Niederbayerns gerade recht, um den alten Kampfgeist nochmals zu wecken und die Truppe zu mobilisieren. Dazu braucht es einen Gegner - wenn es sein muss, im eigenen Lager - um in einer Art Götterdämmerung den eigenen Weltuntergang zu inszenieren.
Missgeschick oder Berechnung
Es kann sein, dass es reine Ungeschicklichkeit ist, möglich aber auch ein geschickter Schachzug, um dem Angriff auf den neuen Vorstand die Spitze zu nehmen: Es gibt vorab keine Tagesordnung für die Delegierten. Dies macht im Vorfeld zwar böses Blut, aber die Empörung unter den rund 600 Anwesenden reicht nicht für ein Mehrheitsvotum, um die Veranstaltung deshalb platzen zu lassen. Es kann sein, dass es sich um eine Nachlässigkeit handelt, aber entgegen früherer Gepflogenheit wird auch die langjährige Verbündete der Hausärzte, Renate Hartwig, wortgewaltige Vorsitzende der Bürger-Initiative Bürger-Schulterschluss, nicht zur Veranstaltung als Rednerin geladen. So hat es den Anschein, dass sich die engagierte Vorkämpferin für eine „überwachungsfreie" Arzt-Patienten-Beziehung aus dem Schmollwinkel heraus meldet, um die neue Führung ins Wanken zu bringen. Bei der Tagung verpufft ihr Frontalangriff wegen des angeblich hinter dem Rücken der Basis angeleierten Honorargeschäfts mit Managementgebühren in Zusammenhang mit der Umwandlung der HÄVG in eine Aktiengesellschaft unter Beteiligung der Compugroup. Bei der vorgeschalteten Pressekonferenz lassen der BÄHV-Vorstand und der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt ganz cool den Vorwurf angeblicher Geheimaktivitäten abtropfen mit dem lapidaren Hinweis, die (dgd vorliegenden) Vertragsunterlagen entsprächen nicht dem aktuellen Stand der noch laufenden Verhandlungen. Da die Beteiligten zur Geheimhaltung verpflichtet sind, kann über den jeweiligen Wahrheitsgehalt der Aussagen nur spekuliert werden.
Neuanfang oder Ende
Es kann Zufall sein, dass die endgültige Vertragsunterzeichnung aller Länderverbände des Hausärzteverbandes just am Tage der Veröffentlichung der Vorwürfe Hartwigs erfolgte. Aber die Fakten sind gesetzt und die Reihen offenbar geschlossen. Von einer berichtenswerten Diskussion auf der Mitgliederversammlung ist nichts bekannt. Es ist jedenfalls ein seltsames Zusammentreffen, dass die der Patientenschützerin zugespielten Unterlagen den Sachstand vom Jahresanfang wiedergeben. Auf Nachfrage bei Stefan Lummer, Pressesprecher Weigeldts, ist Hoppenthaller aus dem HÄVG-Aufsichtsrat Ende März ausgeschieden. „Honi soit qui mal y pense"! Alles andere bleibt - sollte es tatsächlich Streit um die künftige Ausrichtung und Strategie gegeben haben - unter der Decke. Tragisch ist die Figur von Hoppenthaller, einst mächtig, verehrt von seinen Anhängern und gefürchtet bei seinen Gegnern, darf er jetzt ein Schatten seiner selbst KVB-Zahlenreihen - angefeuert von seiner früheren Ziehtochter Reis-Berkowicz - verlesen. Die Karawane zieht weiter und das von Geis angekündigte Maßnahmenbündel gipfelt in einer Medienoffensive unter dem Titel vom „Leiden und Sterben der Hausarztpraxen". Ja sind wir denn in Oberammergau?
dgd


