Genom des EHEC-Erregers entziffert - 17 Todesopfer
Ärzte haben das Erbgut des EHEC-Bakteriums sequenziert. Die Zahl der am Erreger gestorbenen Menschen in Deutschland ist auf 17 gestiegen. Vor allem Hamburg bleibt stark betroffen. Spanien fordert weiter Schadenersatz, Russland greift zu radikalen Maßnahmen.
Auf dem Weg zu einer Therapie gegen das gefährliche Darmbakterium EHEC haben Ärzte einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht. Sie kennen nun das Erbgut ihres Gegners und fahnden unter Hochdruck nach einem Angriffspunkt. Der Erreger grassiert in Deutschland weiter. Inzwischen zählen die Behörden 17 Todesfälle.
Experten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben mit Hilfe chinesischer Kollegen das Genom des grassierenden Erregers gelesen. Bakteriologe Holger Rohde sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa: „Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen."
Es sei also kein völlig neuer Erregertyp, sondern eine Art Hybrid-Klon, der Eigenschaften unterschiedlicher Erreger in sich vereine, betonte der Mikrobiologe Prof. Helge Karch von der Uniklinik Münster. Er leitet das sogenannte Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), also der besonders schweren Verlaufsform der Krankheit. Für die Münsteraner Forscher hatte das Unternehmen Life Technologies in Darmstadt das Genom des Erregers gelesen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf betonte, dieser Hybrid-Klon sei vor dem jetzigen Ausbruch noch nie beobachtet worden.
Für die Entstehung des Hybrid-Klons haben allem Anschein nach zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht - über eine Art primitiven Sex. Damit gehen Eigenschaften eines Keimes auf andere über, es kommt zu Mischformen, auch Chimären genannt. In der Summe entstand hier ein Escherichia coli (E. coli)-Bakterium, welches das HUS auslösen kann, erläuterte Rohde weiter.
Etwa 80% - Rohde spricht vom „Mutterschiff" - stammten vom E. coli-Stamm O104. Die übrigen 20% wurden von einem anderen Bakterium übernommenen. In diesem Teil des Genoms sind Erbanlagen zur Produktion des gefährlichen Shigella-Toxins, das den Patienten Probleme bereitet.
Eine 81 Jahre alte Frau starb in der Nacht zum Donnerstag im UKE an den Folgen der Infektion, sagte Nierenspezialist Prof. Rolf Stahl. Im besonders betroffenen Hamburg ist es der dritte Todesfall.
Rund drei Wochen nach dem Auftreten der ersten EHEC-Fälle gibt es dort wie anderswo keine Entwarnung. „Bei uns ist die Lage nach wie vor angespannt", sagte Prof. Jörg Debatin, UKE-Vorstandschef. Zur Zeit würden in der Klinik 102 Patienten mit dem HUS behandelt. Eine wachsende Zahl von EHEC-Infektionen verzeichnet nach wie vor Niedersachsen. Inzwischen liegen dort 414 Fälle und Verdachtsfälle vor.
In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten EHEC-Infektionen und Verdachtsfälle derzeit bei rund 2.000. Nach Angaben der WHO haben insgesamt zehn Länder EHEC-Fälle gemeldet.
Einen ersten EHEC-Todesfall gab es möglicherweise in Baden-Württemberg. Eine 55 Jahre alte Patientin, die in der Uniklinik Heidelberg wegen HUS behandelt wurde, starb nach Angaben des Sozialministeriums am Mittwochabend. Erste Ergebnisse lieferten aber zunächst keine Hinweise auf eine EHEC-Infektion. In Sachsen, Rheinland-Pfalz oder Hessen gab es zunächst keine neuen Angaben zu bestätigten Erkrankungen oder Verdachtsfällen.
Unterdessen hat Spanien seine Forderung nach Schadenersatz für die Millionenverluste bekräftigt, die seinen Landwirten infolge der EHEC-Krise entstanden sind. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero übte zudem scharfe Kritik am Krisenmanagement der deutschen Behörden und der Europäischen Union.
Die deutschen Stellen hätten einen „eklatanten Fehler" begangen, als sie spanische Gurken mit der Ausbreitung der EHEC-Infektionen in Verbindung gebracht hätten. Die EU-Kommission habe „zu langsam" reagiert und sei nicht energisch genug gegen die Importverbote einzelner EU-Staaten für spanische Agrarprodukte vorgegangen.
„Die Regierung hat die Absicht, eine Wiedergutmachung für den gesamten entstandenen Schaden zu verlangen", sagte Zapatero dem staatlichen Rundfunk RNE. Spanien werde die Forderungen bei den zuständigen Gerichten geltend machen. Der Regierungschef ließ aber offen, ob Madrid seine angekündigten Schadenersatzklagen bei der deutschen oder der europäischen Justiz erheben wird.
Zwei südspanische Agrarbetriebe, auf deren Gurken in Hamburg EHEC-Erreger entdeckt worden waren, kündigten Schadenersatzklagen in Deutschland an. Laboranalysen ergaben, dass die entdeckten Keime nicht zu der Art gehörten, die die Welle von Infektionen ausgelöst hatte. Spanische Bauernverbände beziffern die den Landwirten entstehenden Verluste auf 200 Millionen Euro pro Woche.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte das Vorgehen der deutschen Behörden. In einem Telefongespräch mit Zapatero habe die Kanzlerin zwar Verständnis für die wirtschaftliche Notlage des spanischen Gemüsesektors gezeigt, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstagabend mit. Gleichzeitig habe Merkel aber auf die Verpflichtung der deutschen Behörden hingewiesen, die Bürger zu informieren und die Ergebnisse der Untersuchungen an das europäische Schnellwarnsystem zu übermitteln.
Merkel und Zapatero seien sich einig, dass es jetzt vorrangig darum gehen müsse, die Infektionsquelle des EHEC-Erregers zu identifizieren, um weitere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergreifen zu können. Beide vereinbarten laut Seibert, sich auf europäischer Ebene um Hilfen für die betroffenen Bauern zu bemühen.
Als „unverhältnismäßig" kritisierte die EU-Kommission das russische Einfuhrverbot für Gemüse aus der EU. „Wir verlangen von Russland eine Erklärung", sagte der Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli am Donnerstag in Brüssel. Man stehe mit den russischen Behörden in engem Kontakt. Russland hatte wegen des Darmkeims EHEC das Importverbot für frisches Gemüse auf alle 27 EU-Länder ausgeweitet.
Zuvor hatte das Importverbot im größten Land der Erde nur für Deutschland und Spanien gegolten. Grund für die Verschärfung sei die andauernde Ausbreitung des gefährlichen Darmkeims, sagte Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko nach Angaben der Agentur Interfax.
dpa


