Generika-Studie: Artensterben in weiter Ferne?
Am 18.10.2011 stellte der Branchenverband Pro Generika die in seinem Auftrag vom IGES Institut erstellte Studie „Generika in Deutschland: Wettbewerb fördern - Wirtschaftlichkeit stärken" vor. Die Untersuchung, die die Jahre 2005 bis 2010 umfasst, bestätigt sowohl die Versorgungsrelevanz der Generika als auch ihre gesundheitsökonomische Bedeutung: 2010 entfielen auf der Basis der Defined Daily Dosis (DDD) einerseits 69% der zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordneten und abgegebenen Arzneimittel auf sie.
Andererseits gaben die Krankenkassen für Generika zum einheitlichen Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers (ApU) von 4,2 Mrd. Euro nur 22% ihrer Arzneimittelausgaben aus. Dieser Anteil verringert sich zudem um Herstellerabschläge/ Zwangsrabatte sowie Rückflüsse aus Arzneimittelrabattverträgen. Für mehr als 2/3 ihres Verbrauchs wandte die GKV mithin gerade einmal etwas mehr als 1/5 ihrer Arzneimittelausgaben auf.
Im Untersuchungszeitraum sind die Generika- und Biosimilarpreise zum Apothekenverkaufspreis (AVP) im Durchschnitt um 19% gesunken, während der AVP von Originalprodukten moderat um 6% (Medikamente mit Generikakonkurrenz) bzw. deutlich um 27% (patentfreie Originalarzneimittel ohne Generikakonkurrenz) bzw. 26% (patentgeschützte Originalpräparate) gestie- gen ist. 2010 lagen die Durchschnittspreise von Generika um 56% unter, die Durchschnittspreise von Originalpräparaten mit Generikakonkurrenz hingegen 23% über dem rechnerischen GKV-Durchschnittspreis für Arzneimittel. Einsparpotenzial von 665 Mio. Euro verschenkt Diese Erfolgsstory dürfe aber nicht über gravierende Probleme hinwegtäuschen. Denn auf Wirkstoffebene sei die Marktpenetration der Generika, die seit 2005 neu auf den Markt gekommen seien, höchst unterschiedlich verlaufen. Wenn alle neuen Generika den Marktanteil der Produkte mit der höchsten Penetrationsquote (mindestens 85%) erreicht hätten, hätte die GKV innerhalb von zwei Jahren (weitere) 665 Mio. Euro sparen können. Die Wettbewerbsintensität im generikafähigen Markt hänge in erster Linie von der Anzahl der Anbieter und dem Zeitpunkt ihres Markteintritts ab.
Gehemmt werde der Wettbewerb durch Rabattverträge von Krankenkassen mit Anbietern von Originalpräparaten, Patentstreitigkeiten, medizinisch-pharmakologische Auseinandersetzungen über die Gleichwertigkeit von Generika oder Biosimilars sowie Produktveränderungen und Zulassungserweiterungen der Erstanbieter kurz vor Patentablauf. Scharf ins Gericht mit der zumal von Krankenkassen immer wieder aufgestellten Behauptung, erst die Rabattverträge hätten für Wettbewerb gesorgt, ging Wolfgang Späth, der Vorstandsvorsitzende von Pro Generika. „Das ist schlichtweg Unsinn", lautet sein Verdikt. Rabattverträge forcierten im Gegenteil eine wettbewerbsschädliche Marktkonzentration im generikafähigen Markt. Die bisherigen Um- und Absätze der Biosimilars, den Nachfolgeprodukten biologischer Arzneimittel, erfüllten die Erwartungen, die Politik, Krankenkassen und Hersteller in sie gesetzt hätten nicht. Sie trügen deshalb nicht im erhofften Umfang zur Entlastung der GKV bei.
Was nun?
Pro Generika fokussiert sich auf zwei bereits früher kommunizierte Handlungsempfehlungen an die Politik, die einen intensiven und nachhaltigen Wettbewerb im generikafähigen Markt ermöglichen sollen: Zum einen müsse es mit Patentablauf eine „Stunde Null" geben, in der alle Krankenkassenmärkte für alle Generikaanbieter offen sein müssten. Rabattverträge von Anbietern patentgeschützter Arzneimittel seien daher bis zum Ablauf des Patents zu befristen. Zum anderen müssten nach Patentablauf faire und gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Anbieter herrschen („Level Playing Field"). Dies könne nur durch eine zweijährige rabattvertragsfreie Wettbewerbsphase erreicht werden. Der Realisierung der Verbandsinitiative komme in Anbetracht der Patentabläufe in den Jahren von 2011 bis 2013 mit einem GKV-Umsatz von ca. drei Mrd. Euro besonders hohe Bedeutung und Dringlichkeit zu.
Auswirkungen der Rabattverträge auf die Anbieterstruktur
Die Zuschläge bei Rabattverträgen indizierten einen sich kontinuierlich beschleunigenden Konzentrationsprozess. Von einer Oligopolisierung des Generikamarktes könne allerdings noch keine Rede sein. Unabhängige mittelständische Pharmaunternehmen würden noch nicht in Scharen aus dem Markt katapultiert. Die Unternehmen hätten im Hinblick auf den rabattvertragsinduzierten Preisdruck jedoch bereits eine Reihe von Konsequenzen gezogen, die von Umstrukturierungen, insbesondere im Vertrieb, über Sortimentsbereinigungen bis hin zu Produktionsverlagerungen in Billigstandorte reichten. Den Firmen, die sich auf die Entwicklung von Generika und deren Lizensierung beschränkten, stünden diese Wege nicht offen.
Bis 2013 keine Schonzeit für Füchse
Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Gesundheitspolitik die Studie nicht gerade als Steilvorlage begrüßen wird. Denn sie ist seit vielen Jahren im Arzneimittelmarkt allein auf kurzfristige, medienwirksame Einspareffekte aus. Und was verkauft sich in der Öffentlichkeit besser als die Botschaft, wir haben der Pharmaindustrie durch Arzneimittelrabattverträge 2010 1,3 Mrd. Euro aus den Rippen geleiert? So lange pharmazeutische Unternehmen nicht in Massen das Handtuch werfen, haben die Wirtschaftspolitiker weder einen Anlass noch eine Handhabe, zu intervenieren. Fazit: Es bleibt bei den Rabattverträgen bis 2013 beim Status quo, der Vorstoß von Pro Generika wird voraussichtlich im Sande verlaufen.
dgd


