09.12.2011

Das Ringen um mehr Organspender - Mangel in Hessen

 

„Dürfen wir das Herz oder eine Niere haben?" Fragen zur Organspende können befremdlich wirken. Damit sie nicht erst zur Unzeit bei Trauerfällen gestellt werden müssen, soll sich jeder Bundesbürger zeitig Gedanken machen. So will es die Politik.

Es geht um Leben und Tod. Und es ist ein Problem für alle Beteiligten: Für Kranke, die auf dringend benötigte Spenderorgane warten; für Patienten und Angehörige, die ihre Einwilligung zur Organentnahme geben müssen - und für Ärzte, die Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten müssen, um Spender zu gewinnen. Derzeit warten in Hessen 815 Menschen auf 835 Organe, die Lage hat sich im Vergleich zum Sommer weiter zugespitzt. Die meisten Menschen warten auf eine Niere (525), wie die internationale Vermittlungsstelle für Transplantationen (Eurotransplant) berichtet.

Beim Blick auf Deutschland sind die Zahlen noch beunruhigender:
Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten etwa 12.00 Patienten auf ein Spenderorgan, rund 8000 davon auf eine Niere. Die Mehrheit der Bundesbürger steht zwar einer Organspende aufgeschlossen gegenüber - zumindest bei Befragungen. Viele drücken sich aber vor einer Entscheidung. Und nun?

Die Politik in Berlin ringt weiter um Lösungen, um den chronischen Spendermangel in den Griff zu bekommen. Jüngster Konsens der Bundestagsfraktionen: Die Menschen in Deutschland sollen mit sanftem Druck zu einer Entscheidung bewegt werden. Organspender: ja oder nein? Die Bereitschaft der Bürger zu einer Spende soll regelmäßig abgefragt werden, etwa mit dem Versand der Versichertenkarte. Die Fachleute nennen das eine „Erklärungslösung".

Neben politischen Rahmenbedingungen spielt auch eine wichtige Rolle, mit viel Einsatz sich Krankenhäuser dem Thema widmen. Die Deutsche Bischofskonferenz betonte vor Wochen in Fulda, dass erstmal die Kliniken alle Möglichkeiten ausschöpfen sollten, bevor Gesetze verschärft werden. Die katholische Kirche fordert, dass in möglichst jedem Krankenhaus ein Transplantationsbeauftragter arbeitet.

Am Klinikum Fulda ist seit Jahren ein solcher Fachmann tätig. Zudem wird in den kommenden Tagen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erstmals in Hessen auf ihrer Informationstour „Organpaten werden" im Klinikum werben. Das Krankenhaus spricht aber ohnehin schon fleißig mit potenziellen Spendern. 15 Nieren werden dort pro Jahr verpflanzt, 25 sollen es künftig pro Jahr werden - das hat sich Chefärztin und Nieren-Expertin Marion Haubitz zum Ziel gesetzt.

Aus medizinischer Sicht würde es den Ärzten am meisten helfen, wenn sie gemäß einer „Widerspruchslösung" bei der Organspende verfahren könnten, wie Haubitz sagte. Das bedeutet: Jeder Mensch ist nach dem Hirntod automatisch Organspender - wenn er nicht offiziell zu Lebzeiten widersprochen hat. Diese Regel gilt seit Jahren in Österreich, Spanien und anderen Ländern. Die Zahl der Spender ist dadurch viel höher als in Deutschland. Gegner dieser Regelung kritisieren den starken Eingriff in die Persönlichkeitsrechte.

Die Fuldaer Medizinerin Haubitz hält die „Erklärungslösung" zwar schon für „einen großen Schritt nach vorne". Doch sie entbindet noch nicht von der Aufgabe, Organspende-Gespräche mit Patienten und Angehörigen zu führen. Und Gespräche kosten Zeit. Und Zeit ist Geld - auch in Kliniken, wo immer mehr Kostendruck herrscht.

Einen Transplantationsbeauftragten wie in Fulda hätten bei weitem nicht alle Krankenhäuser in Deutschland, meist nur größere Kliniken, sagt Haubitz. Die kleineren Häuser sollten ihre Anstrengungen verstärken, fordert deswegen auch Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Er kritisiert zudem: Die nun in Berlin gefundene Lösung sei nicht ausreichend, denn sie ändere nichts am derzeitigen Modus der Einwilligung, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Das Problem werde dadurch nicht gelöst. Sicher sei: Ein Großteil der Bevölkerung werde keinen Organspendeausweis ausfüllen.

Haubitz beobachtet in der täglichen Praxis: „Die Unsicherheit beim Thema Organspende ist immer noch sehr groß. Es sind schwierige Gespräche - zum Beispiel mit Hinterbliebenen, wenn ein Patient gestorben ist." Die Scheu, die Toten zur Organentnahme aufzumachen, sei groß. Das Thema werde meist zur absoluten Unzeit brisant.

Um diese heiklen Diskussionen zu führen, werden die Fuldaer Mitarbeiter extra geschult. Die Organspende-Aufklärung müsse aber schon früher ansetzen, findet Haubitz. Deswegen wird bereits in Schulen in Osthessen Aufklärungsarbeit betrieben. Junge Menschen seien einfacher zu einer klaren Entscheidung zu bewegen, während ältere eher unentschieden blieben - und letztlich gar nichts täten.

dpa