06.05.2011

Arztnavigator: Weiße Flecken auf weißer Liste

 

Viel zusätzliche Arbeit und mächtiger Ärger kommt auf manche Praxen zu, wenn der Arztnavigator nicht hält was er verspricht: eine „wertfreie Bewertung" ärztlicher Leistungen. Bundesweit können sich Versicherte ab sofort informieren, wie andere Patienten einen Arzt beurteilen. Sie können, sollen aber auch selbst eine Bewertung abgeben. Rund 18.000 Versicherte der AOK Nordost in Berlin haben sich seit Mai 2010 an der Befragung im Modellprojekt beteiligt. Jetzt hat sich auch bundesweit die BARMER GEK angeschlossen, so dass ein Potential von theoretisch 30 Millionen Versicherten bereitsteht. Zahlreiche Ärzte, vor allem Hausärzte, haben bereits die notwendige Mindestzahl von zehn Bewertungen erhalten und stehen damit bewertet im Netz.

Ohne Hintergedanken

Nutzerfreundlich, manipulationssicher und werbefrei präsentiert sich der gemeinsame Arztnavigator der „Weissen Liste", die von der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem AOK Bundesverband und der BARMER GEK auf Kassenseite für Millionen Versicherte und mit der Empfehlung des Sozialverbandes VdK Deutschland e.V. bundesweit als neutrales Portal bei der Arztsuche helfen soll. Patienten können sich hier unbeeinflußt von irgendwelchen Interessenvertretern Informationen darüber einholen, wie der Arzt ihrer möglichen Wahl mit seinen Patienten umgeht, ob er ihre Anliegen ernst nimmt, ob er freundlich ist, genügend Zeit hat und alles verständlich erklärt. Umgekehrt wird der „Kunde" zum Richter, wenn er seinerseits anonym, aber registriert - um Mehrfachbewertung zu vermeiden - über den Arzt urteilt. Grundlage dafür ist ein einfach aufgebauter Fragebogen ohne Noten und ohne Textfeld - wie ausdrücklich betont wird. Damit wollen die Urheber unsachliche Beschimpfungen oder Schmähkritik vermeiden. Bei der Pressekonferenz zum Start betonen die Kassenvertreter mehrfach, dass es bei diesem Instrument nur um ein Informationsangebot an Patienten gehe - zur Einschätzung der Kommunikation mit dem Arzt aus Verbrauchersicht. Abgefragt werden die Soft- Skills sozialer und kommunikativer Kompetenz. Es erfolgt „keine Qualitätsbewertung", so Jürgen Graalmann der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Dr. Rolf-Ulrich Schlenker will mit den so gewonnenen Daten „keine Versorgungsforschung" zur möglichen Selektion der Ärzteschaft betreiben. „Vergütungsfragen spielen keine Rolle", so die treuherzige Zusicherung.

Statistische Schwachstellen

Da keine Freitextfelder vorgesehen sind, gibt es keine Gefahr von unsachgemäßen Äußerungen oder Diffamierungen durch unzufriedene oder böswillige Patienten, so die Portalbetreiber. Für eine fachliche Bewertung der Behandlung ist kein Raum. Rein technisch wird aufgrund der großen Zahl möglicher Teilnehmer damit gerechnet, dass die Bewertungspools schon in Kürze „volllaufen", so dass sich die Patienten ab zehn Nennungen ein veröffentlichtes Bild über den behandelnden Arzt machen können. Bei den vorangegangenen Probeläufen im Gebiet der AOK Nordost haben sich bisher rund 45.000 Patienten beteiligt. In Hamburg sind 6 Prozent der Allgemeinmediziner derart beurteilt, in Berlin bereits 12 Prozent. Als durchaus verzerrend wird der Umstand vermerkt, dass gerade ältere Patienten mit häufigen Arztbesuchen kaum über einen Internetzugang verfügen, um die Online-Bewertung vorzunehmen. Gerade diese Bevölkerungsgruppe hat aber die meiste Erfahrung. Weiter rechnet das System wohl nicht mit der menschlichen Bequemlichkeit. Denn, hat ein Patient zur Warnung anderer „Opfer" schon mal den Stab über den Behandler gebrochen, könnte er dieses Verdikt zwar bei einer Besserung in einer neuerlichen Beurteilung zurücknehmen. Das wird in der schnöden Realität aber nicht vorkommen, weil der Arzt von einem unzufriedenen Patienten meist keine zweite Chance bekommt.

Auswegloser Pranger

Ab zehn Fragebögen wird das System scharfgeschaltet. Das heißt, die Bewertung taucht dann für alle Interessenten sichtbar im Internet auf. Prinzipiell wird ein System umso ehrlicher je mehr Personen sich beteiligen. Ausreißer nach oben wie unten werden durch die Masse ausgeglichen. Nach Angaben der Betreiber wird es noch einige Zeit dauern, bis das Arzt-Suchportal bundesweit mit ausreichenden Ergebnissen aus der Patientenbefragung gefüllt ist. Voraussichtlich Anfang 2012 könnten sich weitere Kassen an der Checkliste beteiligen. „Das neue Portal ist für die Patienten, aber nicht gegen die Ärzte entwickelt worden", versucht Graalmann Bedenken auszuräumen. Die Ärzte erhielten Rückmeldungen ihrer Patienten auf der Basis eines anerkannten Fragebogens. Die Ergebnisse könnten so auch eine Hilfe für das praxisinterne Qualitätsmanagement sein, so seine Überzeugung. Falls die Bewertung gut ausfällt, besteht für den Betroffenen kein Grund zur Klage. Liegt er allerdings im Ranking unter der ebenfalls angegebenen Benchmark der Kollegenschaft wird es haarig. Er kann sich zwar mittels Kommentar über ein aus seiner Sicht ungerechtes Urteil beschweren. Aber die nackten Zahlen bleiben stehen. Am Ende hilft hier als Notbremse möglicherweise nur die komplette Löschung der virtuellen Existenz. Ob dies im Sinne der Erfinder ist, wenn sich immer mehr Ärzte dann quasi auf einer Robinson-Liste tummeln? Es besteht die Gefahr, dass die weisse Liste tatsächlich dazu mutiert, wenn die Lücken im Verzeichnis allzu groß werden. Die Umfrageergebnisse für Berlin sowie für die anderen Pilotregionen Thüringen und Hamburg sind unter www.aok-arztnavi.de, www.arztnavi. barmer-gek.de und www.weisse-liste.de abrufbar.

dgd