13.09.2011

AOK-Studie: Faule Ärzte oder faule Befragung?

 

Laut Umfrage lassen sich die niedergelassenen Ärzte von den Krankenkassen für 51 Stunden bezahlen, arbeiten die Hausärzte dafür jedoch lediglich 47 und die Fachärzte gar nur 39 Stunden für die GKV-Patienten. Ein Skandal, so der wohl beabsichtigte Eindruck. Der Knalleffekt ist dem neuen AOK-Bundesvorstand Jürgen Graalmann jedenfalls gelungen. Die Politik springt eilfertig hinterher und droht den Fachärzten mit der existenzbedrohenden Höchststrafe, der Umleitung der angeblich arg vernachlässigten Patienten in die Kliniken. Doch wie belastbar ist die Datenbasis auf der die AOK hier opponiert?

Drei-Sekunden-Takt

20 Fragen mit 100 Antwortmöglichkeiten in einem fünfminütigen Telefoninterview mit teilweise komplexer Fragestellung, so lauten die technischen Eckdaten der Studie, wie sie die YouGov Psychonomics AG zwischen 31.03. und 16.04.2011 im Auftrag des Bundesverbandes der AOK bundesweit bei 150 Hausärzten (APIs) und 172 Fachärzten durchgeführt hat. Das bedeutet für jede Entscheidung drei Sekunden Zeit. Die Befragungsform erfordert höchste Präzision auf beiden Seiten der Leitung. Wer einmal als Interviewer wie als Befragter damit konfrontiert war, weiß um die Problematik der Wahrheitsfindung. Nicht so die forsche Presseinformation der AOK: „Licht in die Wirrnisse der KBV- und BÄK-Erzählungen über die Arbeitszeit der Ärzte für gesetzlich Krankenversicherte bringt eine aktuelle, repräsentative Umfrage des AOK-Bundesverbands."

Zufallsfunde

Wie zufällig die Ergebnisse allein wegen der geringen Zahl ausfallen, lässt sich allenfalls erahnen, wenn der Blick auf die absoluten Zahlen fällt. Da stehen für Nordrhein-Westfalen 36 APIs und 43 Fachärzte als Repräsentanten ihrer Kollegen zur Verfügung. Allein die diversen Facharztgruppen belaufen sich auf 13. Bekanntlich plagen einen Radiologen (5%) ganz andere Sorgen als einen Kinderarzt (11%) oder einen Gynäkologen (18%). Ob die zwei im Saarland oder Sachsen-Anhalt individuell befragten APIs als Repräsentanten für ein ganzes Bundesland ausreichen, ist zumindest erklärungsbedürftig. Insgesamt stehen 320 Ärzte mit ihren Antworten für 121.000 vertragsärztlich tätige Kollegen. Bei dieser Umfrage bleiben viele Fragen offen. Folgt man der freundlichen Aufforderung von Psychonomics auf Seite 30 der Studie „Bitte zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren!" findet der Anrufer leider „Keinen Anschluss unter dieser Nummer!". Schade, da gäb's sicher noch was zu klären! Aber der Ansprechpartner ist zwischenzeitlich ausgewechselt

Salto rückwärts

Dass Umfrageergebnisse mit derartigem politischen Sprengstoff im Umfeld der Beratungen zum Versorgungsgesetz auf dieser Datenbasis in der Öffentlichkeit lanciert werden, überrascht. Noch überraschender ist allerdings, wie prompt die Politik in personam des Gesundheitsministers Daniel Bahr hier reflexartig mit Drohungen reagiert, die jeden Glauben an ein durchdachtes Reformkonzept vermissen lassen. Selbst wenn man die Valenz unter außer Acht lassen aller Praxisbesonderheiten und regionaler Unterschiede als gegeben ansieht, erscheint der Salto rückwärts von Bahr beim Thema Spezialärztliche Versorgung als Panikreaktion. Die Patientenüberweisung an die Krankenhäuser zur Disziplinierung von „Minderleistern" - so der AOK-Terminus - würde im Ergebnis nicht nur die Einrichtung einer dritten Ebene verhindern, sondern darüber hinaus den niedergelassenen Fachärzten insgesamt die wirtschaftliche Basis für ihre Praxen entziehen. Konterkariert wird damit das Mantra von einer Verbesserung der Versorgungsstruktur. Selbst wenn sich am Ende der ministerielle Aufschrei als neuerliches Windei entpuppt hat, bleibt der Eindruck völliger Desorientierung. Einem vertrauensvollen, oder wenigstens geschäftlich fairen Umgang der Partner im Gesundheitswesen ist dieser Jagdausflug der AOK sicher nicht zuträglich.

dgd (hg)