Aids-Hilfe: Defizite bei Ärzten im Umgang mit HIV
Unwissen über HIV und Aids macht noch nicht einmal vor Arztpraxen halt - das beobachtet jedenfalls die Aids-Hilfe in Thüringen. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember stellen Fachleute die Aufklärung über die Erkrankung in den Mittelpunkt.
Die Aids-Hilfe in Thüringen hat fachliche Defizite bei Ärzten im Umgang mit HIV-Infizierten beklagt. „Der Wissensstand bei manchen Ärzten über die Infektionsgefahren entspricht dem aus den 1980er Jahren", sagte Madlen Nagel von der Aids-Hilfe Ostthüringen in einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Die Folgen seien Berührungsängste bei den Medizinern. „Für die Infizierten wird es deshalb oft schwer, einen Hausarzt oder Zahnarzt zu finden." Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Sozialministeriums 18 neue HIV-Fälle im Freistaat gemeldet. Bei Neuinfektionen mit HIV hat Thüringen laut Aids-Hilfe weiterhin die bundesweit niedrigsten Zahlen.
In der geringen Erkrankungszahl sieht die Landesärztekammer einen wichtigen Grund für die Verunsicherung in so mancher Arztpraxis. „HIV oder Aids - das kommt im Normalfall bei den meisten Ärzten nicht vor", sagte Kammer-Sprecherin Ulrike Schramm-Häder. An Fortbildungsangeboten mangele es in Thüringen nicht, mindestens 30 seien es allein in den vergangenen fünf Jahren gewesen. Es sei jedoch allein die Entscheidung der Mediziner, diese zu nutzen - oder eben nicht.
Nach Daten des Statistischen Bundesamtes starben 2010 zwei Thüringer an Aids. Insgesamt 350 Thüringer sind nach Schätzungen der Aids-Hilfe HIV-positiv. Die Fachleute beobachten, dass die Infektion nur selten in das fortgeschrittene Stadium übergeht - dann spricht man von Aids. Grund sind verbesserte Therapiemöglichkeiten, wie der Weimarer Facharzt Thomas Seidel sagte. „Heute muss man nicht mehr an HIV sterben." Würden die heute verfügbaren hochwirksamen antiviralen Medikamente rechtzeitig verabreicht und regelmäßig eingenommen, hätten HIV-Infizierte eine fast normale Lebenserwartung.
Seidel ist einer von drei auf HIV- und Aids-Patienten spezialisierten Ärzten in Thüringen. Die Fortschritte bei der Therapie führen nach Einschätzung des Experten aber auch zu Sorglosigkeit. „Die Leute werden nachlässiger", berichtet er. Beim Sex würden Kondome wieder seltener benutzt. Die Folge seien steigende Infektionszahlen bei schwulen Männern - in Thüringen die größte Gruppe der HIV-Infizierten. Hier setzt die Aids-Präventionsarbeit etwa der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Agethur an.
Die vom Land in diesem Jahr mit rund 46.000 Euro finanzierte Aufklärungsarbeit der Agethur richtet sich vor allem an Schüler und Jugendliche, wie die zuständige Mitarbeiterin Melanie Schönheit berichtet. Das Geld fließt etwa in Ausstellungen, Infomaterial, Seminare und Schülerwettbewerbe zum Thema Aids. Schönheit sieht durchaus Wissenslücken an den Schulen. „Das Problem ist, dass es im ländlich geprägten Thüringen keine flächendeckende Prävention gibt."
Seit diesem Jahr verfügt Thüringen nur noch über zwei Beratungsstellen der Aids-Hilfe - in Erfurt und in Weimar. Die Beratungsstelle in Mühlhausen wurde Ende vergangenen Jahres wegen Geldmangels geschlossen. Mit 33.000 Euro stützt das Land die Aids-Hilfe in Thüringen. Insgesamt setzt es laut Sozialministerium in diesem Jahr rund 341.000 Euro für die Aids-Prävention ein.
In Deutschland haben sich in diesem Jahr etwa 2.700 Menschen mit HIV infiziert. Darunter sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) knapp 85% Männer, von denen sich etwa zwei Drittel (rund 1.500) beim Sex mit anderen Männern angesteckt haben. Gut 800 Infektionen entfielen auf heterosexuelle Kontakte, etwa 360 wurden durch verunreinigtes Besteck beim Drogenkonsum verursacht. Rund 500 Menschen starben 2011 an den Folgen der Infektion. Insgesamt leben in der Bundesrepublik rund 73.000 Menschen mit HIV oder Aids.
dpa


